Alternde Gesellschaft vs. medizinischer Fachkräftemangel: Wissensmanagement beugt dem Systemkollaps vor

Demografischer Wandel © bluedesign/Adobe.Stock.com

© bluedesign/Adobe.Stock.com

Kontinuierlich steigende Lebenserwartung trifft auf anhaltend geringe Geburtenraten und führt auf direktem Weg in die Demografiespirale. Das heißt: Die Altersverhältnisse in der Gesellschaft verändern sich, und zwar so stark, dass sie sich schließlich umkehren werden. Das gefährdet das geltende Rentensystem und führt zum Fachkräftemangel. Der demografische Wandel birgt zudem die große Gefahr, die bisherige Gesundheitsversorgung zu Fall zu bringen. Wissensmanagement, die Voraussetzung für Digitalisierung, hat das Zeug dazu, einem solchen Kollaps entgegenzuwirken.

Ungeschminkt: Der demografische Wandel in Zahlen

Die Babyboomer gehen ab 2020 kontinuierlich in Rente – ohne dass junge Fachkräfte in ausreichender Zahl nachkommen. Bis 2050 werden dadurch im Vergleich zu heute 30 Prozent weniger Menschen potenziell erwerbsfähig. 40 Prozent der Bevölkerung gehört ab 2060 zur Generation 60plus. Auch die Lebenserwartung steigt kontinuierlich. Das bedeutet: Ein stark wachsender Teil der Gesellschaft benötigt voraussichtlich eine zunehmend komplexe Versorgung – schließlich sind Patienten mit sehr hohem Alter häufig multimorbid.

Allerdings trifft der Fachkräftemangel nicht nur „irgendwelche Unternehmen“ in der freien Wirtschaft. Auch dem Gesundheitswesen steht in Folge des demografischen Wandels weniger Personal zur Verfügung. Für Krankenhäuser gilt dieser Aspekt aufgrund der speziellen Rahmenbedingungen in besonderem Maße – angefangen bei Arbeitszeiten bis hin zur hohen physischen sowie psychischen Belastung. Das Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) beispielsweise geht davon aus, dass im Jahr 2035 insgesamt 270.000 Beschäftigte in Pflege- und Gesundheitsberufen fehlen werden – wobei diese Zahlen noch als optimistisch gelten dürften. Eine Langzeitprognose der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC und des WifOr-Instituts in Darmstadt prognostiziert ein weitaus düsteres Bild. Bereits bis zum nächsten Jahr rechnen die Analysten demnach mit 56.000 offenen Arztstellen sowie 140.000 medizinischen Jobs – vom Pfleger bis zur Sprechstundenhilfe –, die nicht zeitnah (nach-)besetzt werden können. Für 2030 erwarten die Experten einen Fachkräftemangel im Gesundheitswesen in Höhe von 950.000 Beschäftigten.

Unumgehbar: Der Weg zur digitalen Medizin

Woher sollen Mitarbeiter kommen, wenn es schlichtweg zu wenig Menschen im erwerbstätigen Alter gibt? Selbst eine gezielte Akquise ausländischen Personals wird den steigenden Bedarf nicht decken können. Der Ausweg aus dem Personaldilemma und dem drohenden Versorgungskollaps ist das Wissensmanagement. Als Wegbereiter der Digitalisierung sorgt es dafür, dass Daten und Informationen jederzeit griffbereit sind – und zwar unabhängig von Ort und Zeit. Der Ausweg aus der Personalnot führt über eine Entlastung der Ressourcen. Das heißt: Prozesse müssen entschlackt und automatisiert werden. Statt Zeit mit Routineaufgaben zu verschwenden, sollten Ärzte und Pfleger ihre Aufmerksamkeit ausschließlich auf den Patienten richten.

Daten anfordern, Wissensbestände abgleichen, Informationen aufbereiten? Das können IT-Lösungen häufig sogar besser als der Kollege Mensch. Die Medizin ist ein besonders wissensintensives Fachgebiet. Aktuelle, auf Knopfdruck verfügbare Informationen sind die Grundlage für eine hohe Versorgungsqualität. Wissensmanagement birgt dafür, dass alle Daten in der erforderlichen Form vorliegen, um bedarfsorientiert und situationsbedingt eingesetzt zu werden. Werfen wir einen Blick ins Krankenhaus: Laborwerte sind am Krankenbett abrufbar und Chirurgen nutzen Echtzeitdaten über eine 3D-Brille. Der Arzt in der Notaufnahme kann in Bruchteilen von Sekunden die Patientendaten einer Neueinlieferung abrufen –sowohl die Informationen von einem früheren Krankenhausaufenthalt als auch die vom letzten Hausarztbesuch und sogar die Vitalwerte, die der Patient bei seiner morgendlichen Joggingrunde via Smart Watch erfasst hat.

Unbestritten: Deutsche Gefängnisse als Vorreiter

Fest steht: Gerade im Hinblick auf den demografischen Wandel wird für Ärzte, Versicherungen, Krankenhäuser und alle anderen Akteure im Gesundheitswesen kein Weg an digitalen Lösungen mehr vorbeigehen. Sie können einen großen Teil des Personalbedarfs ressourcenschonend auffangen und durch automatisierte Routinen oder Alternativen ersetzen. Dass das durchaus möglich ist, zeigen derzeit deutsche Gefängnisse: Trotz überdurchschnittlicher Entlohnung finden sie keine Mediziner – zumindest nicht in ausreichender Zahl. Daher machen sie aus der Not eine Tugend. Sie setzen auf Telemedizin und berichten von sehr guten Erfahrungen mit Videosprechstunden. Nur so ist in den Haftanstalten die erforderliche 24/7-Versorgung mit den vorhandenen Ressourcen überhaupt noch realisierbar. Zudem lassen sich auf diese Weise per Kopfdruck weitere Personen wie zum Beispiel Dolmetscher, zuschalten.

Dass dieses Modell so gut funktioniert, liegt insbesondere daran, dass Patientenakten in Gefängnissen wegen eventueller Verlegungen schon seit Längerem elektronisch geführt werden. Der Weg dorthin führte über das Wissensmanagement – beginnend bei der flächendeckenden Digitalisierung aller vorhandenen Daten über die intelligente Vernetzung bis hin zur Implementierung modernster IT.

nl/KWM
Bildquelle:
© bluedesign/Adobe.Stock.com

Hinterlassen Sie einen Kommentar