APS: Zwischenbilanz und neue Wege zur Verbesserung der Patientensicherheit in Kliniken

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Vor sieben Jahren hat das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) mit dem „APS Konzept 2020“ Kriterien für die Patientensicherheit im Krankenhaus festgelegt. Deren Vorsitzende, Frau Dr. Ruth Hecker, berichtet im KWM-Interview über Erfolge, Umsetzungsschwierigkeiten in deutschen Kliniken und neue Ziele des APS.

Frau Dr. Hecker, was hat sich seit der Erstellung des „APS Konzept 2020“ verändert?

Die Ziele, die darin definiert sind, gelten immer noch. Aber das Verständnis für Patientensicherheit hat sich seitdem deutlich verbessert. Die Sensibilität dafür ist gestiegen und es wird erkannt, dass wir in vielen Bereichen Probleme haben. Auch unsere Handlungsempfehlungen sind in den Kliniken bekannt und werden sehr gut angenommen. Allerdings fehlt es häufig noch an der Umsetzung.

Ein wesentlicher Fortschritt ist auch, dass der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) viele unserer Forderungen, z. B. zu Fehlermeldesystemen oder die WHO-Checkliste, in seine Qualitätsmanagement-Richtlinien (QM-RL) aufgenommen hat. Dadurch hat sich auch die diesbezügliche Compliance in den Kliniken verbessert. Direkt in Paragraph 1 der QM-RL steht ja, dass Qualitätsmanagement und Risikomanagement in erster Linie der Patienten- und Mitarbeitersicherheit dienen sollen.

Gibt es auch negative Entwicklungen?

Die finanziellen Rahmenbedingungen sind eher schlechter geworden. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Patientensicherheit in Kliniken. Denn um Maßnahmen, wie sie in der G-BA-Richtlinie oder von uns gefordert werden, richtig umsetzen zu können, brauchen Sie ausreichend Personalressourcen. Wenn es beispielsweise in einem 400-Betten-Haus nur einen Qualitätsmanagement- oder Patientensicherheitsbeauftragten gibt, der alleine für Beschwerdemanagement, CIRS- und Schadensmeldungen, Zertifizierungen etc. zuständig ist, dann wird das nicht funktionieren.

Unabhängig davon, ob es beispielsweise um die Aktion Saubere Hände im Krankenhaus, um das Vier-Augen-Prinzip beim Medikamentenstellen oder die 6-R-Regel für mehr Arzneimitteltherapiesicherheit geht: Das alles können Sie nur angemessen umsetzen, wenn sie genügend Personal haben – und zwar in erster Linie ausreichend Pflegepersonal. Das heißt: So lange wir das Problem des Pflegekräftemangels nicht gelöst haben in Deutschland, lassen sich die Maßnahmen zur Förderung der Patientensicherheit auch nicht so umsetzen, wie wir uns das wünschen.

Das heißt, der Personalmangel ist Grund für die mangelnde Umsetzung der Maßnahmen in Kliniken?

Der Personalmangel ist ein Grund. Hinzu kommt aber als weiterer wesentlicher Faktor: Uns fehlt es nach wie vor an der Kultur. Da sind andere Länder viel weiter. Damit die erforderlichen Maßnahmen auch greifen, müssen wir die Sicherheitskultur in den Kliniken voranbringen.

Dazu gehört beispielsweise, dass den Mitarbeitern klar sein muss, dass sie sich an die Standardregeln halten müssen. Wir lassen da zu viele Ausnahmen zu: dass es nicht schlimm ist, wenn man einmal Team-Time-Out nicht macht, die Patientenidentifikation nicht prüft, das Vier-Augen-Prinzip beim Medikamentenstellen auslässt… Das ist aber ähnlich wie das Fahren bei roter Ampel: Man riskiert damit, andere Menschen zu gefährden.

Ein weiteres Beispiel für mangelnde Sicherheitskultur ist unser Umgang mit Fehlern. Wir reden nicht offen und ehrlich darüber. Behandlungsfehler werden nicht gezählt. Auch die freiwilligen Fehlermeldesysteme, die es national gibt, werden kaum genutzt. Das, was wir vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen und von der Bundesärztekammer erfahren, ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Menschen müssen verstehen, dass es nicht darum geht, Ärzte zu verurteilen! Sondern wir möchten vielmehr wissen, wo die Hotspots der Probleme in Deutschland sind. Bei welchen Themen, in welchen Regionen? Wo müssen wir ansetzen, um Gefahren für Patienten zu verringern?

Wie werden Sie vom APS Ihr Ziel, die Patientensicherheit in Kliniken zu erhöhen, weiter verfolgen?

Wir haben festgestellt: Es gibt kein Problem bei den Erkenntnissen, sondern mit der Umsetzung. Deshalb werden wir uns in den nächsten drei Jahren verstärkt mit der Implementierung von Maßnahmen in Kliniken auseinandersetzen, um deren Umsetzung zu fördern.

Dazu zählen:

  • Unterstützung durch die Politik
  • Methoden und Techniken, wie Dinge umgesetzt werden können
  • Formate, um Handlungsempfehlungen zu erklären

Zusätzlich werden wir uns natürlich weiter mit klassischen Sicherheitsthemen, wie Infektionsprävention und Digitalisierung, beschäftigen und daran arbeiten, die Sensibilität für die Patientensicherheit zu fördern.

Ist das APS-Weißbuch Patientensicherheit als Wegweiser zur Verbesserung der Patientenversorgung weiterhin aktuell?

Ja, die Ausgestaltung und Umsetzung der 28 Agenda-Punkte ist nach wie vor wichtig. Das Weißbuch ist eine Art Leitlinie für die Arbeit des APS in den nächsten zehn Jahren.

Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen: Es gibt den Agenda-Punkt, die Patientensicherheit in die Ausbildung sowie die Fort- und Weiterbildung einzubeziehen. Um das umzusetzen, waren wir am Entwurf der Approbationsordnung der Mediziner beteiligt sowie an ihrem nationalen Kompetenz- und Lernzielkatalog. Zusätzlich fordern wir einen Chief Patient Safety Officer in der Krankenhausleitung, der das Kriterium der Patientensicherheit in die Entscheidungen mit einbringt und somit in diesem Beispiel auch die erforderliche Fort- und Weiterbildung der Mitarbeiter zu diesem Thema im Blick hat.

Hinter jedem einzelnen Agenda-Punkt stehen also viele mögliche Maßnahmen. Wenn wir einen großen Teil der Agenda-Punkte bis zum Jahr 2028 umgesetzt bekommen, haben wir viel für die Patientensicherheit erreicht.

ep/kwm

Im zweiten Teil des Interviews mit Frau Dr. Hecker, das am 27.03.2020 erscheint, lesen Sie, wie Kliniken ihre Sicherheitskultur erhöhen und die Patientensicherheit verbessern können.

 

Dr. Ruth Hecker, Vorsitzende des APS

Dr. Ruth Hecker, APS-Vorsitzende (Foto: Helen Hecker)

Frau Dr. Ruth Hecker ist Vorsitzende des Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS), Fachärztin für Anästhesie und Chief Patient Safety Officer in der Universitätsmedizin Essen.

 

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