Best Practice: Erfolgreiches Antibiotic Stewardship hilft bei Lieferengpässen

Antibiotika © Zerbor/Adobe.Stock.com

© Zerbor/Adobe.Stock.com

Lieferengpässe bei Medikamenten zwingen Kliniken immer wieder auf andere Arzneimittel auszuweichen. Eine aktuelle Studie in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ zeigt, wie das Universitätsklinikum Frankfurt/Main die Verordnung eines wichtigen Antibiotikums eindämmen musste, dabei jedoch Nachteile für die Patienten vermied und sogar noch Geld einsparte.

Im Oktober 2016 kam es bei einem ostchinesischen Arzneimittelhersteller zu einer folgenschweren Explosion. Danach fehlte weltweit ein Grundstoff, der für die Herstellung von Piperacillin/Tazobactam benötigt wird, einem vor allem bei schweren Infektionen unverzichtbaren Antibiotikum. Lieferengpässe waren die Folge.

ABS-Team erstellte Notfallplan

Zu den Betroffenen gehörte auch das Universitätsklinikum Frankfurt. An der Klinik mit 1300 Betten wurde das Medikament monatlich etwa 5400 Mal eingesetzt. Als der Hersteller mitteilte, dass er die Lieferungen um ein Drittel einschränken müsse, informierte die Klinikapotheke das Antibiotic Stewardship (ABS)-Team, das seit 2016 Ärzte beim Antibiotika-Einsatz in der Klinik berät. Es erstellte daraufhin einen Notfallplan: Piperacillin/Tazobactam war fortan für die Klinikärzte nur noch auf Sonderrezept erhältlich.

Verordnung nur in Ausnahmefällen

Der Einsatz des Antibiotikums wurde auf bestimmte Infektionen beschränkt, bei denen es kaum Alternativen gab. Der Notfallplan ging auf – sogar besser als erwartet. Wie das ABS-Team um Professor Christoph Stephan in der DMW berichtet, wurde der Einsatz von Piperacillin/Tazobactam schon in der ersten Woche um 71 Prozent gesenkt. Der Einspareffekt blieb in den folgenden Wochen erhalten, sodass das ABS-Team die Restriktionen lockern konnte.

Keine gesundheitlichen Nachteile für die Patienten

Nachteile für die Patienten haben sich im Rahmen der Maßnahmen nicht ergeben. So blieb laut Professor Stephan der befürchtete Anstieg von Darminfektionen durch die Verwendung von sogenannten Breitband-Antibiotika aus. Das könnte laut Professor Stephan auf den insgesamt überlegten und maßvollen Einsatz der Antibiotika zurückzuführen sein. Auch die Zahl lebensbedrohlicher Blutinfektionen ist laut Professor Stephan nicht angestiegen. Bei einigen Infektionen kam es durch den überlegteren Einsatz von Antibiotika sogar zu einem leichten Rückgang.

Notfallplan war auch finanziell ein Erfolg

Darüber hinaus wirkten sich die Maßnahmen des ABS-Teams finanziell positiv aus: Obwohl die Preise für Piperacillin/Tazobactam durch den Mangel um 67 Prozent gestiegen waren, konnte die Klinik ihre Antibiotika-Ausgaben insgesamt um 13 Prozent senken. Dies war laut Stephan zum einen dem Rückgang des Antibiotika-Einsatzes um fast sechs Prozent zu verdanken. Zum anderen lagen die Preise einiger alternativer Antibiotika unter dem von Piperacillin/Tazobactam. Das positive Fazit: Trotz der leicht angestiegenen Personalkosten hat die Klinik unter dem Strich Einsparungen erzielt.

Kliniken müssen mit Engpässen umgehen lernen

Professor Stephan rechnet damit, dass in Zukunft ähnliche Maßnahmen notwendig werden. Die Zahl der Lieferengpässe bei Arzneimitteln habe in den letzten Jahren weltweit zugenommen. Die Ursachen sieht der Infektiologe in der zunehmenden Verlagerung der Produktion in Niedriglohnländer. Zudem werde die Herstellung wichtiger Medikamente immer häufiger auf wenige Standorte konzentriert, sodass bei plötzlichen Produktionsschwierigkeiten alternative Anbieter fehlen könnten.

Antibiotic-Stewardship-Teams auch im Hinblick auf zunehmende Resistenzen wichtig

Aktuell mahnt auch das Robert-Koch-Institut (RKI) eine restriktive Antibiotika-Verordnung an. Anlässlich der Veröffentlichung der Maiausgabe des Bundesgesundheitsblatts mit dem Schwerpunkt „Antibiotikaresistenzen“ erklärte RKI-Präsident Lothar H. Wieler: „Die wichtigsten Grundsätze zur Eindämmung von Resistenzen liegen auf der Hand: Infektionen vermeiden und Antibiotika nur dann einsetzen, wenn es notwendig und sinnvoll ist.“

Experten müssten in Zukunft vernetzt und über die Fachgrenzen hinweg zusammenarbeiten. Dazu zählen zum Beispiel die Schulung von Ärzten und Apothekern sowie die Etablierung von Antibiotic-Stewardship-Teams in Krankenhäusern, die den rationalen Einsatz von Antibiotika fördern.

Quellen:
FZMedNews, Wie Kliniken auf Lieferengpässe eines Antibiotikums erfolgreich reagieren können, Mai 2018, basierend auf:
J. Kessel et al.:
Piperacillin/Tazobactam-Lieferengpass: Zentrale Restriktion und Alternativempfehlungen als effektive Antibiotic-Stewardship-Maßnahme an einem Klinikum der Maximalversorgung.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2018; 143 (8); e59-e67
Robert-Koch-Institut mahnt zur restriktiven Antibiotikagabe, aerzteblatt.de vom 2.5.2018

cp/KWM
Bildquelle: © Zerbor/ Adobe.Stock.com

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar