Brauchen wir den weißen Kittel überhaupt noch?

Von Medinside – Nötig ist der klassische Mediziner-Look nicht – und vielleicht ist er sogar unhygienisch. Aber er entspricht den Erwartungen der Patienten. Oder nicht? Dies überprüft nun eine internationale Studie.

Warum sehen Mediziner eigentlich aus, wie sie aussehen? So en passant wird die Frage immer wieder mal gestellt, aber genau genommen stellt sie sich doch nicht: Der weiße Mantel ist eine Selbstverständlichkeit. Zumindest bislang.

Allerdings kommt im englischen Sprachraum mehr und mehr die Frage auf, ob das traditionelle Kleidungsstück noch zeitgemäss ist. Ein Kritikpunkt ist, dass er unter dem hygienischen Gesichtspunkt problematisch sein könnte. Ein kleiner Test an US-Kliniken ergab zum Beispiel vor einigen Jahren, dass ein Drittel der Kittel mit Staphylokokken versetzt waren.

Denn der weiße Mantel, eigentlich ein Ausdruck der Reinheit, wird seltener gewechselt als – beispielsweise – das normale Bürohemd.

Kurz: Weder aus praktischen noch aus hygienischen Überlegungen macht es Sinn, das Ärzte in einem weißen (oder mittlerweile auch hellgrünen oder hellblauen) Kittel durchs Krankenhaus laufen.

Es ist wohl auch eine Generationen-Frage

Es sei denn, man erachte den Aspekt, dass jemand stets sogleich als Mediziner erkannt und eingeordnet wird, als bedeutsames Kriterium. Und das ist die Frage: Was wollen und brauchen die Patienten? Dies soll jetzt eine große internationale Erhebung herausfinden, die von zwei Medizinprofessoren der University of Michigan durchgeführt wird, Vineet Chopra und Sanjay Saint. Befragt werden dabei tausende Patienten in vier Ländern – USA, Italien, Japan und der Schweiz.

Dabei wollen die Wissenschaftler, so ihre Ankündigung, darauf achten, ob sich Generationen-Unterschiede zeigen und in welchen Situationen welcher Look wie ankommt.

Jüngst schon brachte eine Auswertung diverser Umfragen in mehreren Ländern ans Licht, dass ein erheblicher Teil der Patienten es vorzieht, wenn der Herr oder die Frau Doktor formell korrekt angezogen ist; in Europa (und unter älteren Patienten) war dies besonders ausgeprägt. In 18 der 21 ausgewerteten Erhebungen äußerten die Patienten eine Vorliebe für Ärzte in Weiß.

Allerdings: Es kam, wie immer, auch drauf an. Ging es um eine Behandlung im Krankenhaus, so wurde der OP-Kittel eher als Zeichen der Professionalität gewertet; ging es um ein Treffen in einem Büro und um ambulante Behandlungen, so beurteilten die befragten Patienten den weißen Mantel eher negativ.

Die Idee des weißen Kittels, aufgekommen im Deutschland des 19. Jahrhunderts, spiegelte übrigens nicht primär Hygienevorstellungen. Es ging eher darum, dass sich die damaligen Ärzte stärker in die Tradition von Naturwissenschaftlern stellen wollten, von jenen Leuten also, die im weißen Mantel in den damals noch sehr neuartigen Labors arbeiteten. Der schwarze Anzug gehörte aber noch lange zum offiziellen Look des Arztes.

Artikel von Medinside: http://www.medinside.ch
Bildquelle: © Fotolia – japolia

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