Deutsche setzen zu wenig auf „Lernen am Arbeitsplatz“

Deutsche setzen zu wenig auf "learning by doing" © Kirsten Oborny – Thieme Verlagsgruppe

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Von Vorgesetzten oder Kollegen zu lernen ist im Vergleich zu klassischen Schulungen meist effektiver und sogar kostengünstiger. Lernen am Arbeitsplatz spielt deshalb für die Produktivität von Arbeitnehmern eine entscheidende Rolle. Doch dieses Potenzial wird in Deutschland einer Untersuchung zufolge unterschätzt. Denn formelle Qualifikationen genießen hierzulande einen hohen Stellenwert. Auch wenn für Ärzte formelle Fortbildungen vorgeschrieben sind, so macht die immer geringere Halbwertszeit medizinischen Wissens einen informellen Wissenstransfer im Krankenhaus notwendig.

„Learning by doing“ steigert Produktivität

Die Forschungserkenntnisse zeigen, dass das durch Arbeitspraxis oder durch Interaktion mit Kollegen gesteigerte Know-how der Mitarbeiter deren Produktivität steigert und die Lohnstückkosten senkt. Auch die rapide ansteigende Produktivität neuer Mitarbeiter im ersten Jahr der Betriebszugehörigkeit ist ein Beleg für die Effektivität des Lernens am Arbeitsplatz. Eine „Kultur des informellen Lernens“ empfiehlt daher der Ökonom Andries de Grip von der Universität Maastricht, der für die Online-Plattform „IZA World of Labor“ des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit den internationalen Forschungsstand zu diesem Thema zusammengefasst hat.

„Die Halbwertszeit medizinischen Wissens beträgt nur mehr vier Jahre“ (Cochrane)

In deutschen Unternehmen spielt informelles Lernen dennoch eine vergleichsweise geringe Rolle: Laut OECD berichten nur 26% der deutschen Arbeitnehmer von täglichem Erkenntnisgewinn durch „learning by doing“ – in den USA sind es 44%. Vom regelmäßigen Austausch mit Kollegen und Vorgesetzen profitieren nur 16% der Befragten in Deutschland – verglichen mit 24% in den USA. Dabei wird informelles Lernen angesichts der durch den technologischen Fortschritt sinkenden Halbwertszeit von Ausbildungsinhalten immer wichtiger. Auch die verlängerte Lebensalterszeit mit steigendem Renteneintrittsalter erfordert ein häufigeres Dazulernen.

Ein Nachteil für den Arbeitnehmer besteht darin, dass zukünftige Arbeitgeber informelles Lernen nicht ausreichend anerkennen. Einige Länder haben daher bereits begonnen, das Lernen am Arbeitsplatz durch entsprechende Zertifikate stärker zu formalisieren. Davon profitieren auch die Unternehmen selbst, indem sie den Wissensstand der Belegschaft besser einschätzen und beispielsweise produktivere Teams zusammenstellen können. Immerhin entfällt bis zu 96% der gesamten Lernleistung von Beschäftigten auf die Arbeitspraxis.

Klassische Schulungen bleiben wichtig

Klassische Weiterbildungsmaßnahmen hätten zwar nach wie vor ihre Berechtigung, erklärt de Grip. Doch könnten Fortbildungen auf weniger Mitarbeiter konzentriert werden, die das Gelernte anschließend an ihre Kollegen weitergeben. „Die Unternehmen müssen eine Kultur des informellen Lernens schaffen“, fordert der Ökonom. Unterstützung könne die Bildungspolitik leisten, indem sie dafür sorgt, dass bereits in der Schule der Wert von informellem Lernen vermittelt wird.

Die englischsprachige Studie ist online über IZA World of Labor abrufbar:

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srh/KWM
Bildquelle: © Kirsten Oborny – Thieme Verlagsgruppe

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