Dr. Google: Freund oder Feind?

Bei gesundheitlichen Beschwerden konsultieren Betroffene zunächst Dr. Google. Zur Vorbereitung von Praxisbesuchen und Krankenhausaufenthalten befragen sie Prof. Wikipedia. Erst rundum informiert werden sie dann beim Mediziner vorstellig. Die schnelle Verfügbarkeit von medizinischem Know-how über das Internet verändert die Arzt-Patienten-Beziehung ganz erheblich. Vor allem auf die richtige Kommunikation kommt es an. Es geht um einen Wissensaustausch auf Augenhöhe. Wertschätzung und Respekt sind dafür die Grundvoraussetzungen. Aber auch die Kompetenz, mit Halbwissen aufzuräumen, und die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu erklären, gehören dazu – Methoden und Vorgehensweisen also, die aus dem Wissensmanagement bekannt sind.

Der mündige Patient wird zum Status quo

Krankheitsbilder und Behandlungsmöglichkeiten recherchieren Patienten zuerst im Internet. Das ergab der Deutsche Gesundheitsmonitor des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller e.V. im vergangenen Jahr. Demnach hat jeder zweite Deutsche in den einschlägigen Suchmaschinen schon einmal medizinisches Wissen nachgeschlagen. Tendenz steigend. Auch spezielle Gesundheitsportale und -foren spielen dabei eine entscheidende Rolle. Hier informieren sich Patienten umfassend zu ihren Symptomen und möglichen Therapieansätzen. Außerdem tauschen sie sich mit Betroffenen aus. Ausgestattet mit ihrem umfangreichen Vorwissen und nicht selten mit allerlei Ausdrucken und Kopien kommen sie dann zum Arzt oder ins Krankenhaus. Was vor wenigen Jahren noch undenkbar war, gehört heute schon zum Alltag – und revolutioniert die Beziehung zwischen Medizinern und ihren Patienten.

Mehrwert oder Mehrarbeit?

Statt sich eine Diagnose ruhig anzuhören und die vorgeschlagene Therapie schulterzuckend hinzunehmen, wollen Patienten in einen offenen Dialog treten. Dieses – nicht mehr ganz – neue Selbstbewusstsein fordert Ärzte heraus. Und genau das ist nicht immer einfach. Schließlich ist die Zeit pro Patient stark limitiert. Eine intensive Auseinandersetzung mit der „Laien-Meinung“ führt daher im ersten Moment häufig zu einer Abwehrhaltung. Wäre es doch so viel leichter, wenn das Gegenüber den Behandlungsansatz einfach akzeptieren würde.

Empowerment: „Die Kraft des Arztes liegt im Patienten“

Doch dieser Trend spiegelt die allgemeine Gesellschaftsentwicklung wider. Genauso wie Mitarbeiter in Unternehmen mehr Mitspracherechte einfordern und medizinische Nachwuchskräfte einen gleichberechtigen Austausch mit ihren Chefärzten verlangen, so wollen auch Patienten auf Augenhöhe kommunizieren. Schließlich geht es um ihre Gesundheit. Das ist für Ärzte zunächst ungewohnt und mitunter auch unbequem. Aber es bietet Mehrwerte auf beiden Seiten. Zum einen kennt nur der Patient all seine Symptome und Beschwerden und kann diese, entsprechendes Wissen vorausgesetzt, am besten in Verbindung bringen. Zum anderen gilt: Wird im gegenseitigen Austausch ein Konsens über die Therapie gefunden, so sind die Erfolgsaussichten der Behandlung wesentlich größer als wenn der Patient nicht einverstanden ist oder die Zusammenhänge gar nicht versteht. Der Weg zur Genesung führt also über Empowerment. Das ist im Grunde nicht neu. Schon Paracelsus wusste, dass „die Kraft des Arztes … im Patienten [liegt].“

Selbstbestimmung statt Paternalismus

Heute sind medizinische Fachkräfte damit tagtäglich konfrontiert – egal auf welcher Hierarchieebene sie sich befinden. Paternalismus gehört in der Arzt-Patienten-Beziehung endgültig der Vergangenheit an. An die Stelle des Obrigkeitsdenkens ist eine neue Selbstverantwortung getreten. Mit diesem Paradigmenwechsel umzugehen, müssen alle Beteiligten erst lernen. Statt auf ihren jeweiligen Standpunkten zu verharren – der Patient aus Angst vor der Bevormundung des Arztes und der Arzt aus Sorge um seine medizinische Kompetenz und Reputation – müssen sie sich vorurteilsfrei mit ihren jeweiligen Ansichten auseinandersetzen, ihre Standpunkte darlegen und zu einer gemeinsamen Lösung finden, für die sie beide einstehen.

Kommunikation als Enabler und Erfolgsfaktor

Genau an dieser Stelle zeigt sich die erfolgskritische Rolle von Kommunikation in wissensintensiven Prozessen. Sprache, richtig angewandt, wirkt als Enabler – also als Türöffner. Nicht umsonst gilt die Kommunikation als wichtigster Erfolgsbaustein im Wissensmanagement. Gelingt der Wissensaustausch nicht, sind wissensintensive Prozesse früher oder später nahezu zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. Damit es in der ebenfalls wissensintensiven Beziehung zwischen Arzt und Patient nicht so weit kommt, müssen die beide Seiten ihren jeweiligen Standpunkt überdenken und ihr Gegenüber als gleichberechtigten Partner akzeptieren. Dabei können weder technische Lösungen noch organisationale Rahmenbedingungen helfen. Hier wirkt einzig und allein ein Umdenken.

Wenn das gelingt, wird der mündige Patient zum Sparringspartner und sein Wissen zum Mehrwert für eine fortschrittliche Medizin.

nl/KWM

Ein Gedanke zu „Dr. Google: Freund oder Feind?

  1. MedixP Antworten

    Erst googlen oder gleich zum Arzt gehen? Schwierige Frage: Klar ist es bequem, erst mal im Internet zu schauen, bevor man sich in die Sprechstunde beim Arzt setzt. Aber warum die Zeit, die man sonst fürs googlen braucht, nicht gleich für den Besuch beim Arzt in Dübendorf, Zürich oder wo auch immer man den eigenen Hausarzt hat, nutzen. Die Ärzte können verlässlichere Diagnosen stellen – und wer dem eigenen Arzt vertraut, muss auch nicht erst Dr. Google fragen…

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