Drangsalieren oder operieren? Mobbing und sexuelle Übergriffe im OP

Arbeit im OP © xixinxing/ Adobe.Stock.com

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Das zu Beginn des Jahres erschienene OP-Barometer offenbarte, dass sich hierzulande rund 38 Prozent der Beschäftigten in der täglichen Arbeit mit dem Thema Mobbing konfrontiert sehen. Wie eine Untersuchung von Wissenschaftlern aus Großbritannien nun ergab, sind erniedrigende Verhaltensweisen in Operationssälen international verbreitet. Das belastet die Betroffenen erheblich, zumal sich die Arbeitssituation durch herkömmliche Strategien, wie Meldesysteme, scheinbar kaum verbessern lässt.

32 Studien aus 15 Nationen haben Usman A. Halim vom Manchester University NHS Foundation Trust und sein Team ausgewertet und kommen zu dem Schluss: Das chirurgische Tätigkeitsfeld birgt ein „besonders hohes Risiko“, Opfer von sexueller Belästigung, Mobbing, Erniedrigungen oder anderen „negativen Verhaltensweisen“ zu werden. In Großbritannien beispielsweise lag der Anteil der Betroffenen unter chirurgischen Assistenzärzten in Teilzeitbeschäftigung bei 54 Prozent; in Australien bei 49 Prozent.

Vor allem weibliche Mitarbeiter sehen sich oft sexuellen Übergriffen ausgesetzt; das gelte insbesondere für Studentinnen, angehende Chirurginnen in der Facharztausbildung und Krankenschwestern auf chirurgischen Stationen, erklären die Forscher. In einer US-Umfrage an 14 Universitäten mit insgesamt 1165 Teilnehmerinnen und Teilnehmern waren laut eigenen Angaben 85 Prozent der Studentinnen betroffen, aber auch immerhin 41 Prozent der männlichen Kommilitonen. Eine Studie in Nigeria ergab, dass 98 Prozent der Studentinnen und Studenten bereits eine unwürdige Behandlung erfahren hatten. Laut einer Befragung in Japan war die Chirurgie die Fachdisziplin, in der angehende Mediziner mit 42 Prozent am meisten gemobbt wurden.

Mit schnellen Schlussfolgerungen müsse man dennoch vorsichtig sein, geben die Autoren zu bedenken: „Was in einem Land als akzeptables Verhalten durchgeht, wird in einem anderen bereits als Belästigung empfunden.“ Auch unterscheide sich der soziokulturelle Hintergrund in den verschiedenen Ländern. Die „hohe Heterogenität“ der Studien erlaube demnach auch lediglich eine deskriptive Auswertung und keine Metaanalyse.

Betroffene klagen vermehrt über Depressionen

Sicher sei jedoch, dass die beschriebenen Übergriffe nicht spurlos an den Betroffenen vorübergehen. Sie berichteten häufig über Stress, Depressionen und sogar Suizidgedanken, die sie auf die negativen Verhaltensweisen ihrer Kollegen beziehungsweise Vorgesetzten zurückführten.

Meldesysteme schrecken Täter nicht ab

Meldesysteme, wie sie viele Kliniken schon eingerichtet hätten, scheinen nicht die gewünschte Wirkung zu haben, erklären die Autoren und ziehen eine Untersuchung aus Australien heran. Hier konnte Fehlverhalten dadurch nur in etwa 10 Prozent der Fälle gestoppt werden. In jedem dritten Fall wiederholten sich die Übergriffe. Außerdem gaben insgesamt 56 Prozent der befragten Chirurgen an, im Ernstfall nicht auf die üblichen Systeme zurückzugreifen.

Respektvoller Umgang beginnt bereits im Studium

Die Forscher schlagen daher vor, den Fokus mehr auf die Prävention zu legen. Es hätten sich zahlreiche Hinweise dafür gefunden, dass vor allem ältere Chirurgen dazu neigten, Kollegen zu diskriminieren und zu erniedrigen. Solche Verhaltensweisen entwickelten sich oftmals bereits am Beginn der beruflichen Karriere. Es könne daher sinnvoll sein, Medizinstudenten frühzeitig, das heißt noch während ihrer Ausbildung, beizubringen, wie man sich Kollegen gegenüber professionell verhält.

Wer unangemessenes Verhalten zulässt, gefährdet Patientensicherheit

Darüber hinaus sollte ein kollegiales und respektvolles Miteinander Teil der Unternehmenskultur jeder Klinik sein und von den Führungskräften in jede Abteilung getragen werden – nicht nur, aber angesichts der Ergebnisse – vor allem in den OP-Bereich. Unangemessenes Verhalten zu ahnden, ist nicht nur im Hinblick auf die Opfer wichtig, sondern auch angesichts der Patientensicherheit dringend erforderlich.

Quellen:
Erniedrigt, gemobbt, belästigt: Rüpeleien im OP weltweit an der Tagesordnung, Dr. Elke Oberhofer, www.springermedizin.de
U.A. Halim et al.: Systematic review of the prevalence, impact and mitigating strategies for bullying, undermining behaviour and harassment in the surgical workplace, British Journal of Surgery 2018 (105); S. 1390-1397

cp/KWM
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