Erfahrungswissen – weshalb es für Kliniken so wichtig ist

Erfahrungswissen © Coloures-Pic/Adobe.Stock.com

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Dokumentation wird im Krankenhaus großgeschrieben – allein schon aus rechtlichen Gründen. Im Fokus stehen dabei insbesondere ärztliche und pflegerische Leistungen rund um den Patienten. Allerdings existieren in Kliniken nicht nur Patientendaten. Viele Krankenhäuser leben regelrecht vom Know-how ihrer Mitarbeiter, doch das steckt in den Köpfen der Ärzte, Therapeuten und Pfleger. Gehen in den nächsten Jahren infolge des demografischen Wandels durchschnittlich 30 Prozent der Beschäftigten in den Ruhestand, verringert sich auch das implizite Kapital um fast ein Drittel. Sind unter den künftigen Rentnern Fachkräfte mit erfolgskritischem Schlüssel-Know-how, dann liegt der Wissensverlust sogar noch deutlich höher.

Wissen wird oft unterschätzt

Um die kritische Bedeutung von Wissen erfassen zu können, muss man seine Beschaffenheit kennen. Auf den ersten Blick scheint der Umgang mit Wissen einfach zu sein: Ob Patientendaten, Controlling-Kennzahlen oder definierte Prozessschritte – sie alle lassen sich relativ einfach erfassen. Geht ein Mitarbeiter in Rente und hat es bisher nicht geschafft, Fakten rund um sein Aufgabengebiet zu notieren, macht er das am letzten Arbeitstag. Entweder schriftlich oder im Gespräch mit seinem Nachfolger.

Wissen ist oft unsichtbar

An diesem Vorgehen ist im Grunde nichts auszusetzen, allerdings enthält dieser Ansatz zwei fatale und folgenreiche Trugschlüsse:

  1. Wer so vorgeht, fokussiert sich ausschließlich auf das explizite Wissen – ergo Daten und Fakten. Diese Wissensart macht allerdings nur geringe zehn Prozent des gesamten Klinikwissens aus. Ikujirō Nonaka, einer der Ur-Väter des Wissensmanagements, bezeichnet explizites Wissen daher als „Spitze des Eisbergs“. Eisberge schwimmen aufgrund der Dichteverhältnisse nur zu zehn Prozent über der Wasseroberfläche. Die restlichen 90 Prozent liegen im Verborgenen. Im Wissensmanagement entsprechen diese 90 Prozent dem impliziten Wissen, das in Form von Erfahrungen in den Köpfen der Mitarbeiter „schlummert“ und sich nur sehr schwer explizieren lässt.
  2. Zudem wird eine direkte Übergabe an den Nachfolger künftig eher die Ausnahme als die Regel sein. Schon heute führen Stellenstreichungen infolge von Budgetkürzungen und Optimierungsbestrebungen dazu, dass Aufgaben auf mehrere Köpfe verteilt werden. Im Zuge des demografischen Wandels wird es darüber hinaus immer schwieriger, freiwerdende Positionen zeitnah nachzubesetzen. Angaben des Deutschen Ärzteblatts zufolge bleiben Pflegestellen bereits heute etwas acht bis zehn Wochen vakant. Eine Tendenz, die sich fortsetzen wird.

Wissen als kritische Ressource

Der drohende Wissensverlust gefährdet die Wirtschaftlichkeit von Kliniken. Erfahrungen sammeln Mitarbeiter in der Praxis. Es bedarf vieler Jahre, um dieses Know-how aufzubauen, mitunter sogar Jahrzehnte. Implizites Wissen lässt sich folglich auch nicht extern einkaufen, auch nicht mit hohem finanziellem Aufwand. Was ein Pfleger, Therapeut oder Arzt in 40 Jahren Berufsleben an Wissen aufgebaut hat, kann kein Absolvent oder Berufseinsteiger abdecken. Selbst wenn er über neueste Therapien, Methoden und den Einsatz innovativer IT in der Medizin bestens Bescheid weiß.

Vereinzelte Wissensverluste lassen sich häufig noch kaschieren. Im Zusammenspiel mit den früheren Kollegen gelingt es oft, verloren gegangene Erfahrungen zu kompensieren. Die Dimensionen aber, die im Zuge des demografischen Wandels auf die Kliniken zukommen, haben das Potenzial dazu, Teile des Gesundheitssystems nahezu lahm zu legen. Die Krankenhausleitung und ihre HR-Abteilung sind daher dringend gefordert,

  1. … die demografische Struktur ihrer Belegschaft zu analysieren. Sie brauchen eine verlässliche Antwort darauf: Wer verlässt wann die Klinik?
  2. … die kritischen Wissensträger zu bestimmen. Die damit zusammenhänge Frage lautet: Wer verfügt über relevantes beziehungsweise einzigartiges Know-how, das dringend in der Klinik verbleiben muss?
  3. … das wertvolle Erfahrungswissen zu sichern – entweder eigeninitiativ, unterstützt durch Prozessbegleiter oder durch externe Wissenssicherer.

Ist das akut gefährdete Erfahrungswissen erst einmal bewahrt, gilt es, entsprechende Sicherungsprozesse so in die Klinikorganisation zu implementieren, dass wichtiges Know-how kontinuierlich im Krankenhausalltag erfasst wird. Ohne viel Aufwand, aber mit großer Wirkung.

nl/KWM
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