Erhöht Digitalisierung die Behandlungsqualität?

Digitalisierung in der Medizin © Monet/ Adobe.Stock.com

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Das Gesundheitssystem steht unmittelbar vor dem Pflegenotstand und leidet vielerorts unter steigendem Ärztemangel. Vor allem im ländlichen Gebiet ist der Versorgungsauftrag mitunter akut gefährdet. Angesichts der Altersstruktur unserer Gesellschaft ist eine Trendwende nicht in Sicht. Die Hoffnungen ruhen daher auf der Digitalisierung. Sie hat das Potenzial, medizinische Kompetenz zu bündeln, zeitintensive Routineaufgaben zu automatisieren und die ärztliche Aufmerksamkeit wieder verstärkt auf den Patienten zu lenken. Die wichtigste Voraussetzung dafür? Wissensmanagement!

Ist die Behandlungsqualität in Gefahr?

Überfüllte Notaufnahmen, Praxissterben, hohe Fluktuation, unterbesetzte Stationen, Überstunden … In medizinischen Einrichtungen mangelt es an Personal. Ab 2019 gelten daher in deutschen Kliniken Untergrenzen für die Personalausstattung in sensiblen Bereichen, zum Beispiel auf Intensivstationen. Solche Maßnahmen zielen durchaus in die richtige Richtung, ändern aber am Grundproblem – dem Personalmangel – nichts. Wir leben in einer alternden Gesellschaft. Das bedeutet: Immer weniger junge Erwerbstätige müssen für immer mehr ältere Menschen sorgen. Die steigende Lebenserwartung erhöht dabei den medizinischen und vor allem pflegerischen Bedarf deutlich. Folglich klafft eine Lücke zwischen Angebot und Nachfrage. Und diese Lücke wird stetig größer. Was fehlt, ist die Ressource Mensch. Ganz abgesehen von der Qualifikation ist das zunächst ein rein quantitatives Problem.

Was kann Digitalisierung leisten?

Da weder Politik noch Wirtschaft oder das Gesundheitswesen die Zahl der potenziell Erwerbstätigen erhöhen und den demografischen Wandel umkehren können, muss die Lösung in anderen Bereichen gesucht werden. Die Hoffnungen liegen dabei zu einem Großteil auf den Möglichkeiten der Digitalisierung. Moderne IT – von Hochleistungsrechnern bis hin zur künstlichen Intelligenz – kann und soll helfen, medizinische Versorgung nachhaltig zu optimieren und so (menschliche) Ressourcen freizusetzen.

Die gute Nachricht: Digitalisierung hat ganz klar das Potenzial, diesem Anspruch gerecht zu werden. Die Möglichkeiten reichen von Prozessverschlankungen (zum Beispiel die Pflege von Patientenakten) über die Automatisierung von zeitintensiven Routineaufgaben (zum Beispiel das Sortieren und Verteilen von Medikamentendosen) bis hin zu intelligenten Assistenzsystemen im OP und in der Pflege. Auch Ferndiagnosen zählen zum Spektrum der Digitalisierung, ebenso wie die Verlagerung von Besprechungen in den virtuellen Raum. Stellvertretend seien hier Tumorkonferenzen genannt. Diese Liste ließe sich nahezu beliebig fortsetzen. Aber – und nun kommt die schlechte Nachricht: In den meisten Krankenhäuser fehlen die Voraussetzungen, um bestehende Abläufe zu digitalisieren oder neue digitale Prozesse einzuführen.

Welcher Weg führt zum Ziel?

Die wichtigste Voraussetzung für die Digitalisierung ist Wissensmanagement – und zwar auf verschiedenen Ebenen. Wissensmanagement bewegt sich im Spannungsfeld von IT, Organisation und Mensch. Daraus ergeben sich verschiedene Handlungsfelder:

  1. Digitale IT-Lösungen erfordern digitalisierte Daten. Notizzettel und Papierakten lassen sich nicht vernetzen. Um innovative IT nutzen zu können, müssen Dokumente folglich digitalisiert werden. Erst dann ist Vernetzung und ein zeit- und ortsunabhängiger Zugriff möglich.
  2. Vernetzung bedeutet die Bereitstellung von Wissen. Jeder, der berechtigt ist, kann auf alle verfügbaren Daten zugreifen. Rein technisch bedarf es dafür digitalisierter Daten und Schnittstellen zwischen den Systemen. Organisatorisch braucht es dafür eine Wissenskultur, die Vernetzung und Kollaboration aktiv fördert.
  3. Der Mensch ist es, der – auch wenn alle anderen Voraussetzungen erfüllt sind – über den Erfolg oder Misserfolg von Wissensmanagement und damit über die Wirkfähigkeit von Digitalisierung entscheidet. Wer seine Daten auf seinem lokalen Desktop speichert oder sein Wissen für sich behält, der behindert den Wissensfluss und fordert redundantes Arbeiten heraus. Das kostet Zeit und Geld. Umgedreht kann transparentes Arbeiten dazu führen, dass ein Zahnrad reibungslos ins andere greift. Wer sein Wissen bereitstellt, gibt anderen Zugriff. Und wer Zugriff hat, der bekommt – dank moderner IT – Antworten auf Knopfdruck.

Hohe Behandlungsqualität wird daher künftig eine Frage des klinischen Wissensmanagements sein.

nl/KWM
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