Fehlendes Expertenwissen kostet Menschenleben

Krankheitserreger © akr11_f/Adobe.Stock.com

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Studien zeigen, dass eine Behandlung durch Infektionsspezialisten viele Patienten mit schweren Infektionen retten könnte. Doch diese Spezialisten sind im deutschen Gesundheitssystem nicht regelhaft vorgesehen und in vielen Kliniken nicht verfügbar. Auch eine Facharztausbildung zum Infektiologen gibt es in Deutschland nicht. In einem aktuellen Beitrag im Deutschen Ärzteblatt fordern Experten, die infektiologische Versorgung und Ausbildung in Deutschland schnellstmöglich zu verbessern.

Fast jeder zweite Patient mit Blutstrominfektion könnte gerettet werden

Die Behandlung einer durch den Erreger Staphylococcus aureus ausgelösten Blutstrominfektion durch einen Infektiologen kann die Sterblichkeit der Patienten um durchschnittlich 40 bis 50 Prozent absenken. Zu diesem Ergebnis kommen eine Reihe internationaler Untersuchungen. „Dies zeigt, welchen Unterschied es für Betroffene machen kann, ob ein Spezialist verfügbar ist und behandelt – oder eben nicht“, sagt Professor Dr. med. Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie an der Universitätsklinik Köln und Präsident der DGI.

Bisher verkannt: Die Gefahr nicht-resistenter Keime

„Die Gefahren durch antibiotikaresistente Erreger erfahren derzeit – zu Recht – viel Aufmerksamkeit und sind von Gesundheitspolitik und Öffentlichkeit als wichtiges Problem erkannt“, sagt Professor Dr. med. Dr. h.c. Ulrich R. Fölsch, Generalsekretär der DGIM. Viel zu wenig im Fokus stünden jedoch die nicht-resistenten Erreger – obgleich diese viel mehr Menschen gefährden. „In Deutschland werden aktuell weniger als zehn Prozent der rund 30.000 Staphylococcus aureus-Blutstrominfektionen von MRSA (Methicillin-Resistente Staphylococcus aureus), der multiresistenten Variante von Staphylococcus aureus, ausgelöst. MRSA ist auf dem Rückzug – aber die nicht-resistente Variante dieses Bakteriums fordert nach wie vor jedes Jahr tausende Menschenleben.“ Die infektiologische Versorgung müsse deshalb insgesamt verbessert werden.

Gutes und professionelles Hygienemanagement beugt Infektionen vor

Eine bessere Versorgung fängt bei geeigneten Präventionsmaßnahmen an: Viele Infektionen im Krankenhaus wären bei optimalem Hygienemanagement vermeidbar. „Von den geschätzten mindestens 30.000 Staphylococcus aureus-Blutstrominfektionen sind etwa 10.000 allein durch Gefäßkatheter verursacht. Diese Infektionen gelten als prinzipiell verhinderbar. Dazu aber braucht es neben ausreichend vorhandenem Pflege- und Hygienepersonal auch genügend Infektionsspezialisten, die das entsprechende Expertenwissen in die Praxis transferieren“, sagt Dr. med. Peter Walger, Leiter eines Zentralbereichs Hygiene und Infektionsmanagement beim Düsseldorfer Klinikenverbund VKKD und als Vorstandsmitglied Pressesprecher der DGKH.

Bisher gibt es noch keine Facharztausbildung zum Infektiologen

Vor diesem Hintergrund fordern die Experten von Kliniken mehr als bisher Stellen für Infektiologen einzuplanen. Darüber hinaus ist für sie eine fundierte Facharztausbildung, die er Komplexität des Fachs gerecht wird, dringend notwendig. Derzeit besteht die Spezialisierung aus einer einjährigen Zusatzweiterbildung. „Erforderlich wäre jedoch eine umfassende, mehrjährige Ausbildung – sprich: Eine Facharztausbildung, wie wir sie für Infektiologen in vielen anderen europäischen Ländern und in den USA haben. Nur so wird es gelingen, die Versorgungssituation für Infektionspatienten langfristig zu verbessern und die großen Herausforderungen in der Infektionsmedizin zu meistern“, betont Fätkenheuer.

Den aktuellen Beitrag der Experten der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI), der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) finden Interessierte im Deutschen Ärzteblatt.

Quelle:
Schwere Infektionen: Leichtes Spiel für gefährliche Erreger: Fehlendes Expertenwissen kostet Menschenleben, Gemeinsame Pressemeldung von DGI, DGIM und DGKH, 12.4.2019

cp/KWM
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