Healing Architecture in der Klinik (Folge 2 von 3): Im Arztzimmer Intimsphäre respektieren und Kontaktbarrieren entfernen

 

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Gemma Koppen, Architektin

Dr. Tanja Vollmer, Biologin und Psychologin, © kopvol- architecture & psycho - logy

Dr. Tanja Vollmer, Biologin und Psychologin

Von Dr. Tanja Vollmer und Gemma Koppen

Ein Krebspatient möchte im Arztgespräch seine wichtigen Fragen stellen und genau verstehen, was der Mediziner sagt. Die derzeit übliche Anordnung und Gestaltung von Arztzimmern erhöhen jedoch das Stressempfinden der Patienten, so dass sie sich weniger auf das Gespräch konzentrieren können. Wie sich hier mit kleinen architektonischen Eingriffen Abhilfe schaffen lässt, erläutern wir in einem weiteren KWM-Blog-Beitrag zur Healing Architecture.

Die Stresserzeuger für Patienten rund um das Arztzimmer sind unterschiedlicher Art:

 

  1. Aufgrund der Verschmelzung von Sprech- und Behandlungszimmer muss sich der Patient vor dem Arzt entkleiden. Krebspatienten haben jedoch häufig mit einem veränderten Körperbild und gesteigertem Schamgefühl zu kämpfen, beispielsweise nach einer Brustamputation.
  2. Oft bildet der Schreibtisch eine Barriere zwischen den Gesprächsteilnehmern. Sitzt der Arzt dazu noch mit dem Rücken zum Fenster, kann der Patient seine Mimik wegen des Gegenlichts nur schlecht erkennen.
  3. Verlässt der Krebspatient nach dem oftmals auch inhaltlich sehr belastenden Gespräch das Arztzimmer, muss er in der Regel entweder durch einen dunklen, endlosen Gang gehen oder wieder durch das Wartezimmer, in dem ihn scheinbar alle anstarren. Studien zeigen, dass gerade in dieser Situation das Stressniveau der Patienten am höchsten ist.

 

Mit diesen architektonischen Eingriffen lassen sich Entlastungen für den Krebspatienten bewirken:

ad 1: Getrennte Sprech- und Untersuchungsräume

Bei zwei getrennten Räumen für die Untersuchung und das Gespräch kann sich der Patient schon während des Entkleidens im Behandlungszimmer akklimatisieren und dort seine Intimsphäre schaffen, bevor der Arzt eintritt. Auch Modelle, bei denen sich zwei Ärzte ein Untersuchungszimmer teilen, sind denkbar. Dazu sind die Abläufe jedoch gut zu koordinieren, damit keine zusätzlichen Wartesituationen entstehen. Ein Paravent oder Umkleidekabinen, wie in der Radiologie, sind dagegen keine Alternativen, die dem Patienten mehr Sicherheit geben.

 ad 2: Besprechungsecken ohne Schutzwall und Gegenlicht

Ideal sind Besprechungsecken für ein Dreiergespräch von Arzt, Patient und Angehörigen. Ansonsten sollte der Arzt wenigstens etwas abrücken mit seinem Stuhl, so dass das Gespräch ohne den „Schutzwall Schreibtisch“ erfolgt. Das Tageslicht sollte von der Seite einfallen, damit weder Patient noch Arzt geblendet werden. Die derzeit in Krankenhäusern immer populärer werdenden großen Fenster sind in Arztzimmern in diesem Sinn gezielt einzusetzen.

 ad 3: Ausgang mit Blick ins Freie

Der Kontakt zur Natur und zur Außenwelt ist die beste Möglichkeit, um schnell wieder Kontrolle über eine Situation zu gewinnen, Stress abzubauen und das Gefühl zu erhalten: „Ich kann jetzt hier raus.“ Daher sollte der Patient, wenn er aus dem Arztzimmer tritt, möglichst direkt nach draußen blicken können. Das ist allerdings oft nur durch einen Neu- oder Umbau zu erreichen, der sich jedoch aufgrund seiner hohen Effektstärke auf jeden Fall lohnt.

Übergang vom Arztgespräch in den ‚öffentlichen Raum‘: Stressproduktion im Kreiskrankenhaus Deventer (kopvol © 2010)

Übergang vom Arztgespräch in den ‚öffentlichen Raum‘: Stressproduktion im Kreiskrankenhaus Deventer (kopvol © 2010)

Stressreduktion im Onkologischen Therapiezentrum Rotterdam (Entwurf kopvol © 2010)

Stressreduktion im Onkologischen Therapiezentrum Rotterdam (Entwurf kopvol © 2010)

Die Autorinnen:

Dr. Tanja C. Vollmer, Psychologin und Biologin, und die Architektin Gemma Koppen gründeten das Entwurfs- und Studienbüro „kopvol- architecture & psychology“ in Rotterdam; www.kopvol.com.

 

Weiterführende Informationen:

Weitere Ergebnisse der Studie „Architektur als zweiter Körper“, mit der kopvol im Auftrag des niederländischen Ministeriums für Wissenschaft und Bildung untersucht hat, wie Krankenhausräume auf Krebspatienten wirken:

 

Serie zur Healing Architecture für Krebspatienten

Das Entwurfs- und Studienbüro „kopvol – architecture & psychology“ hat im Rahmen der Studie „Architektur als zweiter Körper“ festgestellt, wie die Räume eines Krankenhauses auf Krebspatienten wirken. Dabei wurden drei Hot Spots identifiziert, die zu einem besonders hohen Stressempfinden bei den Patienten führen:

  1. die Wartezonen,
  2. das Arztzimmer (s.o.) und
  3. der Bereich für die Chemotherapie.

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