Healing Architecture in der Klinik (Folge 3 von 3): Schutzbedürfnis und erhöhte Sensibilität der Patienten im Chemotherapie-Bereich berücksichtigen

Gemma Koppen, Architektin

Gemma Koppen, Architektin

Dr. Tanja Vollmer, Biologin und Psychologin, © kopvol- architecture & psycho - logy

Dr. Tanja Vollmer, Biologin und Psychologin

Von Dr. Tanja Vollmer und Gemma Koppen

Chemotherapien werden heutzutage überwiegend in Tageskliniken verabreicht. Dazu sitzen die Patienten meistens mehrere Stunden lang gemeinsam mit Mitpatienten und Angehörigen in einem großen Raum. Währenddessen haben viele von ihnen mit ihrem Schamgefühl oder Nebenwirkungen zu kämpfen, beispielsweise mit einer erhöhten Geruchsempfindlichkeit. Seelisch befinden die Patienten sich in einer ambivalenten Lage: Einerseits empfinden sie die Chemotherapie als starkes Gift, das in ihren Körper fließt, dort Zellen tötet und unter anderem dazu führen wird, dass ihre Haare ausfallen. Gleichzeitig soll genau diese Substanz ihr Leben retten und daher freundlich von ihnen empfangen werden. So sitzen sie quasi mit Freund und Feind zugleich und versuchen, diese Situation so entspannt wie möglich durchzustehen. Kliniken können sie darin unterstützen, indem sie den Raum atmosphärisch angenehm gestalten und einige Besonderheiten beachten:

Nischen und Untergruppen bilden

Um das Schutzbedürfnis des Einzelnen zu berücksichtigen und ihm das Gefühl zu geben, dass er seinen eigenen Platz hat und seine Intimsphäre gewahrt wird, sollten räumliche Nischen geschaffen werden. Entsprechend der unterschiedlichen menschlichen Bedürfnisse sind auch die Nischen verschieden groß zu gestalten. Damit kann jeder Patient wählen, ob er sich lieber zurückziehen und für sich allein sitzen möchte oder gemeinsam mit einem Angehörigen bzw. in einer Gruppe mit anderen. Am besten sind dafür flexible Lösungen einzusetzen, so dass jeder die Möglichkeit hat, seine eigene Nische nach Bedarf anzupassen.

Tageslicht und Frischluftzufuhr ermöglichen

Im Chemotherapie-Bereich ist Tageslicht sehr wichtig, um die bedrohlichen Empfindungen der Patienten zu verringern – auch wenn das aufgrund der lichtempfindlichen Zytostatika technisch nicht immer leicht umzusetzen ist. Auch auf eine gute, aber durchzugfreie Durchlüftung der Räume ist zu achten. Ideal ist ein direkter Zugang nach draußen, so dass der Einzelne bei Bedarf einen Schritt an die frische Luft machen und tief durchatmen kann. Besonders die stützenden Begleitpersonen profitieren von dieser Option.

(Inter-)Aktionsmöglichkeiten schaffen

Positive Anregungen von außen können den Patienten helfen, sich nicht in den eigenen Gefühlen zu verlieren. Dazu gehört beispielsweise ein schöner Ausblick nach draußen oder der Austausch mit anderen. Zunehmend wird es den Patienten auch ermöglicht, sich mit ihrer Infusion frei zu bewegen, statt stundenlang auf ihren Sesseln sitzen zu müssen, beispielsweise mit kleinen Chemotherapie-Rucksäcken für Kinder. Derartige Lösungen sind auch für Erwachsene zu empfehlen – in Kombination mit kleineren, in den Räumlichkeiten verteilten Ruheplätzen, die wiederum zum Verweilen und zum Austausch einladen.

Herausragend ist das Angebot eines Arztes im Ruhrgebiet, der einen Wintergarten für seine Patienten eingerichtet hat, in dem sie spazieren und auch ein Tässchen Tee trinken können. Wenn man überhaupt von Entspannung während der Chemotherapie reden kann, wurden hier die besten Voraussetzungen dafür geschaffen!

 

 Stressproduktion während der Chemotherapie im Onkologie-Zentrum DdH Rotterdam (Altbau)

Stressproduktion während der Chemotherapie im Onkologie-Zentrum DdH Rotterdam (Altbau)

 

versus Stressreduktion im Onkologischen Therapiezentrum Rotterdam (Neubau) (Entwurf kopvol © 2010)

Versus Stressreduktion im Onkologischen Therapiezentrum Rotterdam (Neubau) (Entwurf kopvol © 2010)

 

 

Die Autorinnen:

Dr. Tanja C. Vollmer, Psychologin und Biologin, und die Architektin Gemma Koppen gründeten das Entwurfs- und Studienbüro „kopvol- architecture & psychology“ in Rotterdam; www.kopvol.com.

 

Weiterführende Informationen:

Weitere Ergebnisse der Studie „Architektur als zweiter Körper“, mit der kopvol im Auftrag des niederländischen Ministeriums für Wissenschaft und Bildung untersucht hat, wie Krankenhausräume auf Krebspatienten wirken:

Serie zur Healing Architecture für Krebspatienten

Das Entwurfs- und Studienbüro „kopvol – architecture & psychology“ hat im Rahmen der Studie „Architektur als zweiter Körper“ festgestellt, wie die Räume eines Krankenhauses auf Krebspatienten wirken. Dabei wurden drei Hot Spots identifiziert, die zu einem besonders hohen Stressempfinden bei den Patienten führen:

  1. die Wartezonen,
  2. das Arztzimmer und
  3. der Bereich für die Chemotherapie (s.o.).

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