Healing Architecture in der Klinik (Folge 1 von 3): Im Wartebereich für Weite und Licht sorgen

Gemma Koppen, Architektin, ©kopvol – architecture & psychology

Gemma Koppen, Architektin

Dr. Tanja Vollmer, Biologin und Psychologin, © kopvol- architecture & psycho - logy

Dr. Tanja Vollmer, Biologin und Psychologin

Von Dr. Tanja Vollmer und Gemma Koppen

Eng, dunkel und überfüllt: So empfinden Krebspatienten die Wartezonen in Krankenhäusern, unabhängig davon, wie groß der Raum tatsächlich ist und wie viele Menschen sich dort befinden. Durch die Erkrankung wird die Wahrnehmung der Patienten verändert und Klinikräume oft zu einem zusätzlichen Stressor. Aber das lässt sich ändern:

 1: Weite schaffen

Weite schafft man vor allem, indem man Perspektiven kreiert. Schön ist es natürlich, wenn dabei der Blick nach draußen möglich ist. Ebenso wichtig ist jedoch, dass die wartenden Patienten in die Tiefe schauen können, dass sie das Gefühl haben: „Ich kann durchatmen. Ich habe Luft. Ich fühle mich nicht so eingeengt.“ Das lässt sich durch eine gezielte Strukturierung des Raums erreichen: beispielsweise durch seine Schachtelung, durch ein Arkadensystem und indem Sichtblockaden, wie Tresen, entfernt werden. In fensterlosen Wartebereichen von Bestandsbauten müssen verschiedene Sichtebenen und Atmosphären kreiert werden, entlang derer der Betrachter seine Aufmerksamkeit richten kann. Fernseher, Aquarien, Licht- oder Landschaftsbilder reichen keinesfalls aus, um Krebspatienten das Gefühl von Enge zu nehmen und ihr Stressniveau zu senken!

Für Krankenhäuser, die im Wartebereich selbst kaum Gestaltungsspielraum haben, sind elektronische Patientenpieper eine gute Lösung. Allerdings muss dafür gesorgt sein, dass die Patienten innerhalb einer gefühlten Minute zu einem Ziel mit positiven Umgebungsfaktoren geleitet werden können. Krankenhäuser unterschätzen dabei oft ihr eigenes Potential an Orten, die sich patientenfreundlich gestalten lassen.

 

Wartebereiche: Stressreduktion im Königlichen Universitätsklinikum Leuven (Entwurf kopvol © 2014)

Wartebereiche: Stressreduktion im Königlichen Universitätsklinikum Leuven (Entwurf kopvol © 2014)

2: Licht spenden

Unabhängig davon, wie hell die Neon- oder LED-Lampen im Wartebereich gestellt sind, werden sie von Krebspatienten meist als dunkel empfunden. Hier hilft individuell regulierbares Atmosphären-Licht. Manche Krankenhäuser bieten beispielsweise Lesetafeln im Wartezimmer, auf denen Patienten kleine Lampen nach eigenem Wunsch einstellen können. Allein durch das Gefühl, Kontrolle über die Beleuchtung zu haben, ergibt sich schon eine psychische Entlastung.

Generell sollte die Farbgebung im Wartebereich hell und freundlich sein.99 Prozent der Krebspatienten geben an, sich mit warmen mediterranen Farben, wie Ocker, Orange oder Sandstein, am wohlsten zu fühlen.

3: Nischen gestalten

Wartebereiche: Stressproduktion im Erasmus Universitätsklinikum Rotterdam

Wartebereiche: Stressproduktion im Erasmus Universitätsklinikum Rotterdam

Nischen wirken dem Gefühl der Überfüllung („Crowding Effect“) entgegen. Dafür sollten verschiedene atmosphärische Rückzugsbereiche gestaltet werden, in denen der Patient das Gefühl hat, geschützt und geborgen zu sein, trotzdem genug sieht, sich nicht eingeengt und isoliert fühlt und vor allem nicht denkt: „Hier werde ich vergessen…“

 

Die Autorinnen:

Dr. Tanja C. Vollmer, Psychologin und Biologin, und die Architektin Gemma Koppen gründeten das Entwurfs- und Studienbüro „kopvol- architecture & psychology“ in Rotterdam; www.kopvol.com.

 

Weiterführende Informationen:

Weitere Ergebnisse der Studie „Architektur als zweiter Körper“, mit der kopvol im Auftrag des niederländischen Ministeriums für Wissenschaft und Bildung untersucht hat, wie Krankenhausräume auf Krebspatienten wirken:

 

Serie zur Healing Architecture für Krebspatienten

Das Entwurfs- und Studienbüro „kopvol – architecture & psychology“ hat im Rahmen der Studie „Architektur als zweiter Körper“ festgestellt, wie die Räume eines Krankenhauses auf Krebspatienten wirken. Dabei wurden drei Hot Spots identifiziert, die zu einem besonders hohen Stressempfinden bei den Patienten führen:

  1. die Wartezonen (s.o.),
  2. das Arztzimmer und
  3. der Bereich für die Chemotherapie.

 

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