Herausforderung: Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus

Demenz © Osterland – Fotolia.com

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Laut Angaben des Statistischen Bundesamts sind schon heute 43 Prozent der behandelten Patienten über 65 Jahre alt, jeder Fünfte davon ist über 80 Jahre. Mit steigendem Lebensalter nimmt auch die Wahrscheinlichkeit zu, an Demenz zu erkranken. Studien zufolge werden bereits heute in deutschen Kliniken täglich 23.000 demenzkranke Patienten sowie 24.000 Patienten mit leichten kognitiven Störungen behandelt. Gut vorbereitet sind jedoch die wenigsten Einrichtungen, weder personell noch organisatorisch.

Ärzte und Pflegekräfte fühlen sich im Umgang mit Demenzpatienten häufig überfordert, wohl auch, weil deren Versorgung in der Ausbildung bislang kaum berücksichtigt wird. Insbesondere das sogenannte „herausfordernde Verhalten“, das etwa 80 Prozent der Betroffenen zeigen, ist problematisch: Dazu gehören Schlafstörungen, motorische Unruhe sowie eine erhöhte Reizbarkeit und Aggressivität. Hinzu kommt, dass die wenigsten Patienten mit der (Neben)Diagnose Demenz eingeliefert werden. Ihr Verhalten kommt für das Personal häufig überraschend. Zudem sind die Patienten infolge ihrer Erkrankung weniger anpassungsfähig. Sie leiden unter zeitlichen Vorgaben für Untersuchungen und Pflegemaßnahmen auf Station. Dass das Personal häufig wechselt, wenig Zeit für Gespräche hat und keine Beschäftigung für sie anbietet, spitzt die Lage weiter zu. Umgekehrt kann das Personal die engen Zeitpläne kaum einhalten, wenn die Patienten nicht kooperieren.

Große Belastung für Patienten und Kliniken

Die Belastung für Patienten und Personal ist enorm: Demenzpatienten verlassen das Krankenhaus und müssen gesucht werden, andere irren über die Station und finden aufgrund fehlender Orientierungshilfen nicht mehr in ihr Zimmer. Laut Pflege-Thermometer 2014 des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung e.V. (dip) gehört es zum Klinikalltag, dass sich Demenzkranke Verbände und Zugänge entfernen oder stürzen. Patienten, die sich nicht behandeln lassen, werden nicht selten mit Medikamenten ruhig gestellt oder fixiert. Das belastet Patienten, Ärzte und Pflegekräfte gleichermaßen. Zudem ist es ein finanzielles Problem für die Kliniken. Durch die Vorfälle kommt es häufiger zu Komplikationen und die Liegezeiten verlängern sich.

Ansätze guter Praxis

Im gerade erschienenen Pflege-Report 2017 erklärt Sabine Kirchen-Peters, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialforschung e.V. (ISO), dass der Stellenwert psychischer Begleiterkrankungen in den Allgemeinkrankenhäusern immer noch unterschätzt wird. Zudem sind die Leitungskräfte nicht ausreichend über Ansätze guter Praxis informiert. Dabei gibt es Konzepte, die sich in den vergangenen Jahren bewährt haben.

Gerontopsychiatrische Konsiliardienste beraten Ärzte und Pflegepersonal. Sie geben Empfehlungen zur Behandlung und Diagnostik, führen Fortbildungen durch, bieten Fallbegleitung oder Bedside-Teaching an. Mitunter bieten sie auch sozialpflegerische Interventionen an und leiten die Angehörigen im Umgang mit den Kranken an.

Interdisziplinäre Teams sorgen dafür, die Hilfsangebote unterschiedlicher Personen und Institutionen besser zu vernetzen, um Versorgungsbrüche zu vermeiden. Ein Team besteht in der Regel aus Psychiatern und psychiatrisch geschultem Pflegepersonal. Ergänzt werden können sie durch Psychologen, Sozialarbeiter sowie Ergo- und Physiotherapeuten.

Spezielle Abteilungen für akut erkrankte Demenzkranke haben nach Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) idealerweise eine Kapazität von acht bis zwölf Betten. Die Maximalgröße von 20 Betten sollte nicht überschritten werden. Die Station befindet sich – geschützt, aber nicht abgeschlossen – innerhalb einer geriatrischen Klinikabteilung. Das Personal ist der Station fest zugeordnet und erhält anerkannte Schulungen. Die Tagesstruktur richtet sich nach den Bedürfnissen der Patienten und vermittelt ihnen Sicherheit, indem wiederkehrende Aktivitäten (wie waschen oder essen) immer zur gleichen Zeit geschehen. Darüber hinaus ist es wichtig, die Biographie und soziale Situation der Patienten zu berücksichtigen. In einem erweiterten sogenannten Assessment erfasst das Personal auch die Sturzgefahr, die Ernährung und mögliche Schmerzen der Patienten. Die DGG empfiehlt darüber hinaus, die Angehörigen eng in die Behandlung einzubeziehen, die Stationen auch architektonisch wohnlich zu gestalten, die Sozialdienste zu stärken und zusätzliche therapeutische Angebote einzusetzen, zum Beispiel die Musiktherapie.

Bis Ende 2013 zählte die DGG 22 Spezialstationen für Demenzkranke, eingebettet in geriatrische Klinikabteilungen. Es gibt jedoch auch Kliniken, die dieses Konzept in einem Allgemeinkrankenhaus erproben. Wie zum Beispiel die Station DAVID im Klinikum Hamburg Alsterdorf. Hier werden die Patienten direkt auf der Station aufgenommen und dort auch, so weit wie möglich, untersucht, um unnötige Raumwechsel zu vermeiden. Es handelt sich um einen abgeschlossenen Bereich mit spezieller Atmosphäre. Die Farb- und Lichtgestaltung sind auf die Bedürfnisse der Patienten angepasst. Das Personal ist in Validation (eine Methode, um mit Menschen mit Demenz zu kommunizieren) geschult und es werden Altenpflegekräfte eingesetzt.

Unabhängig von umfangreicheren Organisationskonzepten gibt es einzelne praxiserprobte Elemente, die Kliniken umsetzen können. Dazu gehört beispielsweise die Einführung eines Kurzscreenings auf Demenz, die Einbindung von Angehörigen in die Behandlung, eine demenzfreundliche Umgebungsgestaltung oder die Beschäftigung und Betreuung der Patienten durch ehrenamtliche Demenzlotsen.

Quellen:
S. Kirchen Peters:
Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus
Pflege-Report 2017, Schattauer Verlag, Stuttgart. 2017; S. 153–163
Spezialstationen für akut erkrankte Demenzkranke – DGG stellt Standards vor, Pressemeldung der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DDG), 17.6.2014
Versorgung von Demenzpatienten: Andere Wege gehen, Beitrag über die Station DAVID im Deutschen Ärzteblatt (Februar 2015)

cp/KWM
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