Höhere Versorgungsdichte, geringere Kosten: Telemedizin entlastet und macht profitabler

Telemedizin © venimo/ Adobe.Stock.com

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Online-Sprechstunden sparen Zeit und Geld. Web-Konsultationen sorgen für flächendeckende medizinische Versorgung. Videokonferenzen bringen die besten Ärzte zusammen. Telemedizin gilt als wichtige Stellschraube für die demografischen Herausforderungen des Gesundheitswesens. Und sie wird die Prozesse und Abläufe im Krankenhaus nachhaltig verändern. Sie muss sie regelrecht revolutionieren. Nur so kann die sinkende Zahl an Ärzten und Pflegern den steigenden Behandlungsbedarf künftig überhaupt noch bewältigen.

Vom digitalen Wandel hin zur Transformation der Krankenhausversorgung

Krankenhäuser und ihre Mitarbeiter haben ihre Belastungsgrenze erreicht. Um diese Aussage zu belegen, reicht bereits ein flüchtiger Blick in die Notaufnahme oder auf den (Überstunden-)Zettel des Stationsarztes. Das liegt zum einen am demografischen Wandel. In einer alternden Gesellschaft benötigen immer mehr Menschen ärztliche Versorgung, auch stationär. Zum anderen sieht man an diesem Trend bereits die Folgen des Praxissterbens. Wo Wartezimmer überfüllt, der nächste Behandlungstermin erst Wochen oder Monate später frei ist oder niedergelassene Ärzte ohne Nachfolger aus ihrem Beruf ausscheiden, da wählen Hilfesuchende immer häufiger den direkten Weg ins Krankenhaus.

Kliniken werden damit zum Nadelöhr und drohen aus allen Nähten zu platzen. Zumal neben dem Versorgungsauftrag auch Effizienzaspekte, Optimierungsbestrebungen und Kostendruck den Klinikalltag tangieren. Infolgedessen arbeiten Ärzte und Pfleger am Limit. Sie sind häufig desillusioniert, vielerorts überfordert und oft kurz davor, nach alternativen Beschäftigungsfeldern Ausschau zu halten. Der Ausweg aus diesem Dilemma liegt in der Telemedizin.

Ärzte, Patienten und Klinikmanagement profitieren gleichermaßen

Wer im Krankenhaus Rat sucht, braucht in der Regel dringend Hilfe. Oder muss dahingehend beruhigt werden, dass seine Symptome nicht akut sind. Beides lässt sich – zumindest in weiten Teilen – online erledigen. Wer einen Arzt per Internet konsultieren kann, bekommt sofort eine qualifizierte Einschätzung seiner Beschwerden. Zusätzlich zur mündlichen Beschreibung der Krankheitsanzeichen lassen sich per Videokonferenz auch äußere Merkmale begutachten. Über Schnittstellen zu Wearables und ähnlichen digitalen Health-Tools können zudem die Vitalparameter ausgewertet werden. So weiß der Patient bereits vor dem Gang in die nächste Notfallambulanz, ob dieser Schritt tatsächlich notwendig ist. Patienten schätzen an der Telemedizin vor allem die Rund-um-die-Uhr-Versorgung, ohne lange Wege oder quälende Wartezeiten. Laut einer Studie des Digitalverbands Bitkom sehen zwei Drittel der Bevölkerung genau in diesen Aspekten die größten Mehrwerte von Online-Sprechstunden.

Und auch Ärzte profitieren: Sie werden sofort hinzugezogen – ohne dass das Halbwissen von Dr. Google die Patienten zuvor beeinflusst hat. Laut Patientenradar 2018 suchen 60 Prozent vor einem Arztbesuch regelmäßig Rat im Internet. Doch hier lauern auch gefährliche Fehleinschätzungen. Sind Mediziner ebenso einfach zu kontaktieren und jederzeit erreichbar, wie das World Wide Web, wenden sich die Menschen eher an einen Online-Arzt. Denn er bietet ihnen nicht nur Fakten, sondern auch eine verlässliche Auskunft. Klinikärzte profitieren zudem davon, dass ihre Tele-Kollegen bereits vorsortieren – und den Andrang, zum Beispiel in der Notaufnahme, reduzieren.

Und schließlich gewinnen auch die Kliniken. Telemedizin kann für sie zum zweiten Standbein werden. Zum anderen können sie es mit Hilfe von Online-Angeboten schaffen, ihre derzeitigen Herausforderungen zu meistern: Kosten sparen, Behandlungsqualität erhöhen, Personal schonen etc. Das kann zum Beispiel gelingen, indem sie ihre Bereitschaftspraxen und Medizinischen Versorgungszentren in Online-Angebote wandeln. Zwar nicht im dem Sinne, dass sie nur noch im Internet existieren. Aber zumindest ohne Ärzte. Vorbild sind die Healthcare Kioske in den USA. Hier kümmern sich Pflegekräfte und medizinische Fachangestellte um die Patienten und ziehen die Ärzte – bei Bedarf – telemedizinisch hinzu. In Zeiten von Big Data idealerweise unterstützt durch intelligente Expertensysteme, die auf Basis von Mustererkennung Vorschläge zur Diagnose und Therapie machen.

Der Wandel schafft neue Anforderungsprofile und Berufsbilder

Damit einher geht aber auch ein Wandel des Aufgabenspektrums. Wer darf was machen? Inwieweit lassen sich medizinische Aufgaben an nicht-ärztliche Mitarbeiter delegieren? Wie sehen Stellenbeschreibungen der Zukunft aus? Und gibt es Ausbildungskonzepte, die genau diese Ansprüche erfüllen? Hier muss ein Ruck durch das Gesundheitssystem gehen. Telemedizin ist nur ein, wenn auch ein wichtiger, Baustein hin zur Zukunftsfähigkeit der hiesigen Versorgungsqualität. Kombiniert mit den Möglichkeiten der Digitalisierung und den Chancen von Big Data kann die Medizin ein ganz neues Level erreichen und sich für die anstehenden Herausforderungen der sich wandelnden Gesellschaft rüsten.

Wissensmanagement hoch drei

Mit der Telemedizin gehen folglich gleich mehrere komplexe Wissensmanagement-Prozesse einher. Zum einen muss es gelingen, Expertenwissen digital verfügbar zu machen. Hier gilt es, technische Herausforderungen der Video-Sprechstunde ebenso umzusetzen wie IT- und datenschutzrechtliche Aspekte. Zum anderen geht es um die Übertragung und Auswertung von Daten. Wie greifen zugeschaltete Ärzte auf die Vitaldaten ihres Gegenübers zu? Wie erfolgen Auswertung und Speicherung? Zum anderen geht es darum, für eine bestmögliche Diagnose und Therapie externes Wissen hinzuzuziehen. Aus weltweiten Datenbanken zu Krankheitsverläufen und Forschungsergebnissen, aber auch zu bekannten Wechselwirkungen und Unverträglichkeiten. Wissen muss also gebündelt, punktgenau analysiert und digital bereitgestellt werden. Das sind Aufgaben, für die die Kliniken sicherlich mindestens einen weiteren Experten benötigen, idealerweise in Form eines Vollzeit-Wissensmanagers.

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