Ich weiß was Du hast. Weißt Du es auch?

Ansgar Jonietz © Michael Deckbar

© Michael Deckbar

Ansgar Jonietz ist Mitgründer der Übersetzungsplattform „Was hab’ ich?“. Auf der Website können Patienten seit 2011 ihre medizinischen Befunde anonym und unentgeltlich in eine für sie leicht verständliche Sprache übersetzen lassen. Im Kurzinterview mit KWM erklärt er, welchen Anspruch er an die Arzt-Patienten-Kommunikation hat, wie sie gelingen und was das Klinikmanagement dazu beitragen kann.

KWM: Was weiß der durchschnittliche Patient über seine Erkrankung?
Ansgar Jonietz: Das kommt natürlich immer auf den Patienten und die Erkrankung an. Aber sicher kann man sagen: Im Durchschnitt haben Patienten zu wenig gut verständliche Informationen, die ihre Erkrankungen betreffen. Dazu gehören grundsätzliches Wissen über die Vorgänge im Körper, aber auch wichtige Informationen über die Behandlung, durchgeführte Untersuchungen und die vom Arzt angeratene Therapie.

KWM: Was bedeutet das für den Patienten?
Ansgar Jonietz: Der Patient, der seine Erkrankung nicht versteht, kann seinem Arzt nicht die richtigen Fragen stellen, er kann keine guten Entscheidungen treffen und er entwickelt vielleicht (unnötige) Ängste. Ganz brisant aber ist: Er hält sich vielleicht nicht an seine Therapie, verhält sich womöglich weniger gesundheitsbewusst. Ich bin der Überzeugung: Wenn Patienten ihre Befunde und Erkrankungen nicht verstehen, schadet das ihrer Gesundheit.

KWM: Was bedeutet das für den Arzt oder auch die Pfleger, Therapeuten, die Klinik ganz allgemein?
Ansgar Jonietz: Verunsicherte oder nicht gut informierte Patienten können nicht optimal therapiert werden, zum Beispiel, weil sie ihre Medikamente nicht regelmäßig nehmen. Die fehlende Therapietreue verursacht im Gesundheitswesen hohe zusätzliche Zeit- und finanzielle Aufwände – hochgerechnete 10 Mrd. Euro im Jahr.

KWM: Welchen Anspruch haben Sie an die Arzt-Patienten-Kommunikation?
Ansgar Jonietz: So wichtig die Fachsprache für die Kommunikation unter Kollegen ist: Ärzte kommen nicht umhin, auch eine leicht verständliche, patientenfreundliche Sprache zu beherrschen. Die dafür nötige Kommunikationsausbildung muss verpflichtend ins Medizinstudium integriert werden. Gleichzeitig benötigen Patienten gute und verständliche Gesundheitsinformationen – damit sie sich gesundheitsbewusst verhalten können und im Gespräch mit ihrem Arzt die richtigen Fragen stellen können.

KWM: Wie kann eine gute Arzt-Patienten-Kommunikation gelingen?
Ansgar Jonietz: Ich glaube, dass Ärzte, die für eine gute Patientenkommunikation sensibilisiert worden sind, ihr ganzes Berufsleben lang auch bessere Patientengespräche führen. Und ich glaube auch, dass Patienten, die ihre Diagnosen, durchgeführte Untersuchungen, Behandlungen und Medikationspläne verstehen, sich gesundheitsbewusster und therapietreuer verhalten. Ein leicht verständlicher Entlassbrief nach dem Krankenhausaufenthalt, der Patientenbrief, an dessen Entwicklung wir gerade arbeiten, ist ein erster Schritt dahin. Leicht verständliche Informationen auch vor und während des Arztbesuches, sowohl im stationären und ambulanten Bereich, müssen folgen.

KWM: Was kann Management (z.B. das Klinikmanagement) dazu beitragen? Ansgar Jonietz: Ärzten kann durch besser informierte Patienten viel unnötiger Zeitaufwand erspart werden. Die Gespräche können effektiver geführt werden, der Patient hält sich an seine Therapie und benötigt weniger Nachbetreuung. Die Klinik kann und muss ihre Ärzte darin unterstützen und dazu motivieren, sich mit patientenfreundlicher Kommunikation auseinanderzusetzen. Gleichzeitig sollte sie die Angst vor Neuerungen wie dem Patientenbrief nehmen – der Entlassbrief für den weiterbehandelnden Arzt wird wie gewohnt erstellt, die leicht verständliche Version basiert darauf und wird dem Patienten zusätzlich ausgehändigt. Das ist neben all der Vorteile für die Patienten und die behandelnden Ärzte außerdem auch für die Klinik ein starkes Marketing-Argument.

Treffen Sie Ansgar Jonietz bei den WIMA-Tagen 2017

Ansgar Jonietz ist als Referent bei den 13. Stuttgarter Wissensmanagementtagen (14.-15. November 2017) zu Gast. Er spricht über
„Herr Dr. Google, was hab ich? Damit Arzt und Patient sich auf Augenhöhe begegnen“
Mehr Informationen finden Sie hier.

Ansgar Jonietz ist seit 2012 Geschäftsführer der „Was hab’ ich?“ gGmbH, Dresden; 2011 Mitgründer der Übersetzungsplattform „Was hab’ ich?“, die Medizinerlatein in Patientendeutsch übersetzt; seit 2010 Geschäftsführer der Netzmanufaktur GmbH. Dipl.-Informatiker; seit 2014 Master-Studium Gesundheitswissenschaften, seit 2015 Promotion im Bereich für Allgemeinmedizin der TU Dresden. Social Innovator of the Year, Manager des Jahres 2016.

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Bildquelle: © Michael Deckbar

 

 

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