Immer mehr Pflegekräfte ziehen Leiharbeit einer Festanstellung vor

Pflegekräfte © Kirsten Oborny - Thieme

© Kirsten Oborny – Thieme

Während in anderen Berufen Arbeitnehmer nach einer Festanstellung streben und hoffen, ihr Beschäftigungsverhältnis über eine Leiharbeitsfirma beenden zu können, gehen immer mehr Pflegekräfte den umgekehrten Weg. Das haben Recherchen des Norddeutschen Rundfunks (NDR) ergeben. Der Grund für viele: Weniger Stress bei gleichem Gehalt.

Zahl der Leiharbeiter unter den Pflegekräften steigt

Das Pflegepersonal in deutschen Kliniken ist überlastet. Oft sind Stationen zu knapp besetzt. Kommt es dann krankheitsbedingt zu zusätzlichen Ausfällen, müssen Kliniken zum Teil auf Fachkräfte über Zeitarbeitsfirmen zurückgreifen. Dass das immer häufiger der Fall ist, zeigt das Beispiel der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), Niedersachsens größter Klinik. Bei 2.137 festangestellten Krankenpflegekräften, Teilzeitkräfte inklusive, hat die Klinik nach eigenen Angaben im Jahr 2015 gerade einmal 30 Leiharbeiter eingesetzt. Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl den Angaben zufolge allerdings bereits verdoppelt. Und in den ersten drei Monaten dieses Jahres waren es bereits wieder 47, berichtet der NDR.

Geregelte Arbeit bei gleichem Gehalt

Für Pflegekräfte kann die Anstellung über eine Zeitarbeitsfirma von Vorteil sein, wie der NDR am Beispiel eines Krankenpflegers zeigt. Dieser gab seine Festanstellung bewusst auf. In seinem jetzigen Arbeitsvertrag ist festgehalten, dass er keine Nachtdienste übernimmt, nur einen Wochenenddienst im Monat leistet und er in seiner Freizeit auch wirklich frei hat. Das alles bei gleicher Bezahlung. Im Gegenzug arbeitet der Pfleger nun dort, wo er gebraucht wird, solange sich die Klinik im Großraum Hannover befindet. Den Wechsel von Kollegen und Arbeitsstätte nimmt er jedoch gern in Kauf, hat er doch jetzt wieder ein planbares Privatleben, ohne Doppelschichten und spontanen Wochenenddiensten. Gegenüber der „Ärzte Zeitung zeigt“ Johanna Knüppel, Sprecherin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe DBfK, ein weiteres Motiv auf. „Häufig möchten die Fachkräfte, die den Schritt aus der Festanstellung in der Klinik in die Leiharbeit gehen, nebenbei ein Studium absolvieren oder sich ein weiteres Standbein aufbauen. Das geht leichter, wenn ein geregelter Arbeitsplan vorliegt, der bei Leiharbeitern eingehalten werden muss.“

Belastung für Kliniken und deren Belegschaft nimmt zu

Für Kliniken sind die geliehenen Pflegekräfte jedoch nicht nur finanziell eine Belastung. Sie müssen auch immer wieder in bestehende Abläufe auf Station eingewiesen werden. Auch die Gewerkschaften sind besorgt über die aktuellen Entwicklungen. Die Belastung für die Rest-Belegschaft nehme mit jeder zusätzlich eingesetzten Leiharbeitskraft zu, so Brigitte Horn von ver.di gegenüber dem NDR.

Trend oder Randphänomen?

Ob man angesichts des NDR-Berichts bereits von einem Trend sprechen kann, ist jedoch fraglich. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeichnen ein weniger dramatisches Bild: So standen zum Jahresende 2015 insgesamt 320.905 Vollzeitäquivalente (VZÄ) als Krankenpflegekräfte in deutschen Kliniken in einem direkten Beschäftigungsverhältnis. Die Kennzahl der VZÄ gibt dabei an, wie viele Vollzeitstellen sich rechnerisch bei einer gemischten Personalbelegung mit Teilzeitbeschäftigten ergeben. Somit liegt die Anzahl der Festanstellungen höher als beziffert. Zum gleichen Zeitpunkt waren hingegen nur 6685 Pflegekräfte ohne ein direktes Beschäftigungsverhältnis registriert.

Mögliche Lösungen

Dennoch zeigen die 10.000 vakanten Pflegestellen in Deutschland, das dringend Handlungsbedarf besteht. Ob eine bessere Vergütung der Pflegeleistungen ausreicht oder ein Mindestpflegepersonalschlüssel, wie ihn die Gesundheitsministerkonferenz diese Woche in Bremen diskutiert, dazu führt auch in Zukunft eine qualitativ hochwertige Patientenversorgung zu gewährleisten, wird sich zeigen. Sicher muss darüber hinaus das Image der Pflege gesellschaftlich eine Aufwertung erfahren. Nur dann lassen sich in Zukunft wieder mehr junge Menschen für den Beruf gewinnen. Auch in den Einrichtungen selbst erfahren Pflegekräfte, auch wenn sie händeringend gesucht werden, oft keine angemessene Wertschätzung. „Bei den Universitätskrankenhäusern steht noch immer die Medizin im Fokus, nicht der Patient. Deshalb laufen ihnen die Krankenpflegekräfte auch in Scharen davon“, urteilt Johanna Knüppel gegenüber der „Ärzte Zeitung“.

Quellen:
Überlastete Pflegende flüchten in die Leiharbeit, BibliomedPflege vom 19.6.2017
Überlastete Pfleger flüchten in die Leiharbeit, NDR-Beitrag von Holger Bock und Marie-Caroline Chlebosch vom 18.6.2017
Leiharbeit als Weg aus der Überlastung? Ärzte Zeitung online vom 20.6.2017

cp/KWM
Bildquelle: © Kirsten Oborny – Thieme

 

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