Interview: Ethik und Ökonomie im Krankenhausmanagement

Professor Dr. Georg Marckmann

© Prof. Dr. Georg Marckmann

Der wirtschaftliche Druck auf Krankenhäuser hat in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen. Ethische Werte, wie ein wertschätzender Umgang mit Patienten und Mitarbeitern, drohen angesichts betriebswirtschaftlicher Überlegungen ins Hintertreffen zu geraten. Für Professor Dr. med. Georg Marckmann schließen sich Ökonomie und Ethik jedoch keineswegs aus. Im Gespräch mit KWM-Redakteurin Elke Paxmann zeigt er auf, wie eine werteorientierte Klinikführung aussehen und damit die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit sogar gesteigert werden kann.

Herr Professor Marckmann, Sie fordern seit langem die Implementierung ethischer Werte nicht nur in der Medizin, sondern auch im Krankenhausmanagement. Warum?

Prof. Marckmann: Das hängt mit den ordnungspolitischen Rahmenbedingungen zusammen: Der wirtschaftliche Druck auf Krankenhäuser hat stark zugenommen – und damit auch der Einfluss des kaufmännischen Leiters innerhalb des Klinikums. Ökonomen konzentrieren sich in der Regel jedoch nicht auf zentrale ethische Werte der Patientenversorgung, sondern vornehmlich auf wirtschaftliche Output-Daten, wie kurze Liegezeiten und hohe Patientenzahlen. Dabei können kurzsichtige betriebswirtschaftliche Überlegungen überhandnehmen. Eine gute Medizin ist jedoch ohne die Umsetzung zentraler ethischer Werte gar nicht realisierbar. Dazu zählen nicht nur patientenorientierte Werte, wie das Wohlergehen und der Wille des Patienten, sondern wesentlich auch die Führungsqualität, der Umgang der Mitarbeiter untereinander und ein vernünftiger Ressourceneinsatz. Damit solche Werte nicht aufgrund der Dominanz betriebswirtschaftlicher Überlegungen vernachlässigt werden, sollten sie integraler Bestandteil des Krankenhausmanagements werden.

Stellen ethische Werte nicht einen Gegenpol zu wirtschaftlichen Zielen dar?

Prof. Marckmann: Das wäre dann der Fall, wenn sie nur mit Einschränkungen bei der ökonomischen Leistungsfähigkeit der Krankenhäuser umzusetzen wären. Ich bin jedoch vom Gegenteil überzeugt: Wenn man diese Werte konsequent realisiert, wird das die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Krankenhäuser fördern. Wir haben hier nicht einen Gegensatz von Ethik und Ökonomie, sondern eher ein gegenseitiges Bedingungsverhältnis. Auch hinsichtlich der konzeptionellen Logik gibt es durchaus Überschneidungen zwischen Ethik und Ökonomie: Die Ökonomie verlangt primär, dass man mit den gegebenen Ressourcen ein bestmögliches Ergebnis erzielt – und auch ethisch gilt das Prinzip der Nutzenmaximierung sowie des verantwortungsvollen Umgangs mit knappen medizinischen Ressourcen.

Inwieweit kann dadurch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit gesteigert werden?

Prof. Marckmann: Ein erster wichtiger Faktor ist das Betriebsklima: Krankenhäuser benötigen engagiertes Personal, das gesund und motiviert ist. Durch eine Werteorientierung werden Mitarbeiter besser geführt und ernster genommen. Dadurch werden Motivation und Arbeitskraft des Personals gesteigert – und in der Folge die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Klinik. Hinzu kommt: Es wird zunehmend schwierig für Krankenhäuser, qualifiziertes Personal zu gewinnen. Praktiziert ein Klinikum eine werteorientierte Führung, dann gilt es als attraktiver Arbeitgeber und hat somit bei der Personalsuche einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Häusern. Und schließlich wird es sich auch in der Öffentlichkeit herumsprechen, wenn ein Krankenhaus einen wertschätzenden Umgang mit Patienten pflegt und sie ernstnimmt, wenn die Mitarbeiter dort nicht kurz vor dem Burnout stehen oder gestresst sind, sondern motiviert und patientenorientiert arbeiten. Auch dies kann das Haus wirtschaftlich stärken.

Gibt es entsprechende Untersuchungen oder Praxis-Beispiele, bei denen sich die Umsetzung ethischer Werte auch ökonomisch auszahlt?

Prof. Marckmann: Nein, die gibt es meines Wissens für den Krankenhausmarkt bedauerlicherweise nicht. Es liegen aber Untersuchungen aus anderen Branchen vor, wonach eine ethikorientierte Führung tatsächlich die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Unternehmen verbessert. Und es würde mich sehr wundern, wenn dies nicht auch in ähnlicher Weise auf den Bereich der Gesundheitsversorgung zutreffen würde.

Zur Umsetzung ethischer Werte im Krankenhausalltag ist zusätzliche Zeit erforderlich, beispielsweise für Falldiskussionen sowie Fort- und Weiterbildungen. Wie lässt sich das im Klinikalltag, der auch wesentlich durch Zeitmangel geprägt ist, umsetzen?

Prof. Marckmann: Es ist richtig, dass man häufig in Vorleistung treten muss, wenn man ethische Werte realisieren möchte. Und durch die unglaubliche Arbeitsverdichtung ist Zeit zu einer der knappsten Ressourcen im Krankenhaus geworden. Ich bin aber nicht sicher, ob am Ende tatsächlich ein zusätzlicher Zeitbedarf entsteht, da z.B. zeitaufreibende Konflikte im Team oder Probleme mit den Patienten dann gar nicht erst auftreten. Zudem ist es ja nicht immer nur eine Frage der Quantität, sondern auch eine Frage der Qualität – das heißt, wie die vorhandene Zeit genutzt wird, um mit Patienten umzugehen. Ich habe das in Altenheimen beobachtet. Dort leiden alle gleichermaßen unter Personalnot; dennoch gibt es eklatante Unterschiede, wie mit den Bewohnern umgegangen wird. Entscheidend ist dabei, ob die Führungskräfte auf einen wertschätzenden Umgang geachtet haben. Man kann in ein Zimmer gehen und den Bewohner, der kaum mehr kommunikationsfähig ist, ignorieren. Dann ist das eine vergebene Chance. Oder man kann sich während einer Verrichtung mit dem Bewohner beschäftigen, mit ihm reden und so die Zeit, die man mit ihm verbringt, besser nutzen. Das sollte man auch im Krankenhaus häufiger praktizieren.

 

Das Interview führte Elke Paxmann.
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Univ.-Prof. Dr. med. Georg Marckmann, Studium der Medizin und Philosophie an der Universität Tübingen sowie Public-Health an der Harvard Universität. 2003 Habilitation für das Fach „Ethik in der Medizin“, seit 2010 Leiter des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der LMU München, seit 2012 Präsident der Akademie für Ethik in der Medizin. Mitglied verschiedener ethischer Beratungsorgane.

 

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