Kliniken behandeln mehr Diabetespatienten als gedacht

Diabetes © Minerva Studio/ Adobe.Stock.com

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Offizielle Statistiken zu Diabetes mellitus in deutschen Krankenhäusern erfassen nicht das wirkliche Ausmaß der Erkrankung. Eine systematische Untersuchung am Universitätsklinikum Tübingen ergab, dass doppelt so viele Patienten wie bislang angenommen stationär behandelt werden. Zudem steigt die Zahl der Neuerkrankungen des Diabetes Typ 1 seit Jahren an. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) warnt deshalb vor einem Mangel an diabetologischem Fachpersonal und finanziellen Kürzungen in diesem Bereich.

Behandlung richtet sich nach Folgeerkrankung

Zu den wichtigsten Folgeerkrankungen des Diabetes zählen koronare Herzkrankheiten, Schlaganfall, Durchblutungsstörung der Beine, die diabetesbedingte Netzhauterkrankung des Auges, die dialysepflichtige Nierenschwäche und neurologische Störungen. Nicht selten sind diese Erkrankungen auch die Todesursache für Diabetes-Patienten. „Bei einer stationären Aufnahme werden jedoch diese Patienten – je nach Art der Diabetes-Folgekomplikation – der entsprechenden Fachabteilung wie der Kardiologie, Angiologie, Nephrologie, Chirurgie oder Neurologie zugewiesen, obwohl der Diabetes mellitus die Ursache für die Komplikation ist“, erklärt Professor Dr. med. Baptist Gallwitz, Mediensprecher der DDG und stellvertretender Direktor der Medizinischen Klinik IV am Universitätsklinikum Tübingen. „Damit verschwindet der Diabetes als Hauptdiagnose aus dem Fallpauschalensystem DRG und folglich aus allen daraus abgeleiteten Statistiken.“

Auf diese Problematik verweist nun der Fachbeirat Diabetes des Ministeriums für Soziales und Integration Baden-Württemberg in seiner Stellungnahme „Diabetes mellitus in der Klinik“. Er bezieht sich dabei auf eine Studie des Universitätsklinikums Tübingen aus 2016: Ärztinnen und Ärzte erfassten bei allen Patienten, die in einem repräsentativen vierwöchigen Zeitraum im Jahr 2016 in der Klinik stationär aufgenommen wurden, die Haupt- sowie Nebendiagnose Diabetes. So sollte überprüft werden, wie hoch die Zahl an bekannten und unerkannten Diabetespatienten tatsächlich ist, die in einem Krankenhaus behandelt werden. Zusätzlich bestimmten die Mediziner in allen Abteilungen des Universitätsklinikums bei jedem Patienten über 18 Jahren den HbA1c Wert. So konnten sie auch Patienten mit bislang unerkanntem Diabetes oder Hinweis auf eine beginnende Diabeteserkrankung identifizieren.

Anzahl der behandelten Diabetespatienten ist doppelt so hoch wie bisher angenommen

„Das Ergebnis ist alarmierend: Durchschnittlich 22 Prozent der in allen Abteilungen des Klinikums erfassten Patienten hatten eine Diabeteserkrankung“, erläutert Professor Dr. med. Andreas Fritsche, Studienautor und Mitglied des Fachbeirats Diabetes aus Tübingen. Hochgerechnet auf Baden-Württemberg würden demzufolge jährlich rund 500.000 Diabetespatienten im Krankenhaus behandelt. Das bedeutet, dass 2016 nicht etwa jeder achte Krankenhaus-Patient eine Diabeteserkrankung hatte, wie offizielle Zahlen des Statistischen Bundesamts verlautbaren, sondern jeder vierte Patient – also doppelt so viele wie bislang angenommen. Eine retrospektive Analyse am Klinikum Stuttgart bestätigt diese Zahlen: Dort ergab sich sogar eine Rate von rund 30 Prozent der stationär behandelten Patienten mit der Diagnose Diabetes mellitus.

Zukünftiger Bedarf an Diabetologen wird unterschätzt

Aus diesen Zahlen leitet der Fachbeirat Diabetes in seiner Stellungnahme ab, dass der zukünftige Bedarf an diabetologischen Fachabteilungen in Krankenhäusern unterschätzt wird und somit auch zu wenige Ausbildungsstellen für die Weiterbildung in der Diabetologie innerhalb aller medizinischen Berufsgruppen zur Verfügung stehen. Dies impliziert negative Folgen für die adäquate Betreuung und Versorgung von Patienten mit Diabetes mellitus. „Sicherlich ist diese Untersuchung nicht repräsentativ für Deutschland und es müssen weitere Erhebungen folgen, um diese Zahlen zu untermauern. Doch es ist ein wichtiger erster Hinweis darauf, dass der Anteil von Diabetespatienten in Krankenhäusern als zu gering angesetzt wird“, betont DDG Präsident Professor Dr. med. Dirk Müller-Wieland.

Anstieg an Neuerkrankungen erhöht Versorgungsbedarf zusätzlich

Auch in Kinderklinken zeichnet sich ein besorgniserregendes Bild ab: „Mehr als 3.000 Kinder und Jugendliche erkranken in Deutschland jährlich neu an einem Typ-1-Diabetes“, erläutert Professor Dr. med. Andreas Neu, Leiter der Diabetes-Ambulanz der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin Tübingen. „Die Neuerkrankungsrate an Diabetes Typ 1 hat sich damit in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt.“ Viele Kliniken sind diesem Anstieg nicht gewachsen und personell unzureichend ausgestattet. Zudem ist eine adäquate Vergütung der Schulungen und Langzeitbetreuung in diesem Bereich derzeit nicht gewährleistet. „In Anbetracht der steigenden Erkrankungsraten bei Kindern und Jugendlichen ist dies alarmierend“, mahnt der Experte.

Bessere Berücksichtigung der Diabetologie im Fallpauschalensystem gefordert

„Wenn bislang fehlinterpretierte Zahlen die tatsächlichen stationären Behandlungsfälle in Zusammenhang mit Diabetes mellitus verdecken, besteht Handlungsbedarf“, schlussfolgert Müller-Wieland. Zum einen müsse die Diabetologie im Fallpauschalensystem DRG besser berücksichtigt werden. Zum andern schließt sich die DDG den Forderungen des Fachbeirats Diabetes an, diabetologische Schwerpunkte an Kliniken zu erhalten, diabetologische Fachabteilungen strukturell zu unterstützen und die Weiterbildung Diabetologie in der Klinik und Ambulanz zu fördern, um auch mittelfristig die stationäre und ambulante diabetologische Versorgung bedarfsgerecht sicherzustellen.

Quelle:
Häufigkeit von Diabetes mellitus in Krankenhäusern unterschätzt: Es werden mehr Diabetespatienten stationär versorgt als bislang angenommen, Pressemeldung der DDG vom 17.01.2019

cp/KWM
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