Krankenhaus Report 2017: Umgestaltung der Notfallversorgung – was Deutschland von anderen Ländern lernen kann

Der „Krankenhaus-Report 2017“ stellt unter dem Oberthema „Zukunft gestalten“ zentrale Gestaltungsfragen der stationären Versorgung in den Mittelpunkt, analysiert sie und zeigt Entwicklungsoptionen auf. Auch die Frage der Notfallversorgung wird untersucht und Reformmöglichkeiten aufgezeigt: Ähnlich wie in Deutschland stiegen in den vergangenen Jahren die Patientenzahlen der Notaufnahmen in vielen Ländern an. Um dem zu begegnen, haben Australien, Dänemark, England, Frankreich und die Niederlande eine Reihe von Maßnahmen umgesetzt, von denen auch Deutschland profitieren könnte.

Gründe für steigende Patientenzahlen in Notaufnahmen weltweit

Notaufnahmen haben deutlich an Zuspruch gewonnen. Die Gründe dafür sind vielfältig und haben teils patientenbezogene Ursachen, teils auf dem Gesundheitssystem basierende, so die Autoren des Beitrags „Umgestaltung der Notfallversorgung: Internationale Erfahrungen und Potenziale für Deutschland“:

  • sozioökonomischer und demografischer Wandel
  • veränderte Versorgungspräferenzen
  • gesellschaftliche Beschleunigung
  • mangelndes Wissen über Notfallstrukturen
  • begrenzter Zugang zu ambulanter Versorgung
  • niedriger Bekanntheitsgrad ambulanter Notdienste

Auch international scheinen Menschen im Notfall eine zentrale Anlaufstelle zu bevorzugen, die jederzeit erreichbar ist und ein breites Spektrum an diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten bietet. In manchen Ländern liegt es auch an der mangelnden Verfügbarkeit von Alternativen im ambulanten Bereich, dass Patienten zunehmend Notaufnahmen aufsuchen. Um dem zu begegnen, haben andere Länder Maßnahmen zur Umgestaltung der Notfallversorgung ergriffen. Die Autoren führen als Beispiele Australien, Dänemark, England, Frankreich und die Niederlande an. Dort zeigten sich im Wesentlichen vier Ansatzpunkte.

Verbesserte Verfügbarkeit ambulanter Versorgung

Verschiedene Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen besserer Verfügbarkeit von Leistungen in der ambulanten Versorgung und einer geringeren Inanspruchnahme von Notaufnahme, so die Autoren.

  • England beispielsweise hat seit den 1990er Jahren ambulante Versorgungsangebote ausgebaut: Parallel zur Notrufnummer wurde ein 24 Stunden erreichbarer Telefonservice für dringliche Gesundheitsfragen eingerichtet, der Patienten gezielt berät und Empfehlungen für die am besten geeignete Behandlungseinrichtung ausspricht. Darüber hinaus wurden „Walk-in Centres“, „Urgent Care Centres“ und „Minor Injury Units“ in Krankenhäusern oder der näheren Umgebung aufgebaut und zudem erweiterte Notdienste und mehr Hausärzte eingesetzt.
  • In Australien wurden 24 Stunden geöffnete Ambulanzen in der Nähe von Krankenhäusern etabliert.
  • In Dänemark wurden ambulante Notdienstzentren geschaffen.
  • In Frankreich gibt es ähnliche Einrichtungen („Maisons Mèdicales de Garde).
  • In den Niederlanden gibt es ebenfalls Zusammenschlüsse von Hausärzten.

Bislang verfügbare Evaluationen zeigten, dass die zentralisierten Strukturen mehr telefonische Beratungen erbrachten. Die Notaufnahmen wurden entlastet, wenn ambulante Notdienstzentren nahe oder direkt in den Krankenhäusern eingerichtet wurden.

Bessere Koordination zwischen ambulantem Notdienst, Rettungsdienst und Notaufnahmen

In Frankreich haben die meisten Departements integrierte Telefonzentralen, über die Patienten Informationen zu den für sie nächstgelegenen und geeignetsten Einrichtungen erhalten oder auch den Notdienst verständigen können. In Dänemark benötigen Patienten die Überweisung eines Arztes oder der Telefonzentrale für einen Zugang zur Notaufnahme. In den Niederlanden werden Notaufnahmen und ambulante Notdienste schrittweise immer mehr verzahnt, was bereits zu einem deutlichen Rückgang von Patienten in den Notaufnahmen führte.

Spezialisierte Zentren für bestimmte Patientengruppen

Patienten mit lebensbedrohlichen und schwersten Erkrankungen beziehungsweise Verletzungen in spezialisierten Zentren zu behandeln, wurde in Dänemark, England und der Niederlande bereits in den späten 1990er Jahren begonnen. Dies betrifft besonders Patienten mit Verbrennungen, Polytrauma, Herzinfarkt und Schlaganfall. Hierzulande gibt es deutliches Verbesserungspotenzial, da zum Beispiel viele Schlaganfallpatienten immer noch nicht in „Stroke Units“ behandelt werden.

Schließung von Notaufnahmen

Ressourcen in weniger Einheiten zu zentralisieren und damit einerseits die Qualität der Versorgung für Schwerstkranke zu verbessern, andererseits durch Schließung von Notaufnahmen Patienten auf ambulante Versorgungsangebote umzuleiten, ist ein Bestreben, das bereits in Dänemark und England umgesetzt wurde. In den Niederlanden war eine solche Reforminitiative ebenfalls geplant. Allerdings stoppten Krankenhausverbände diese mit einer Kampagne.

Wie kann Deutschland profitieren?

Eine Umgestaltung der Notfallversorgung muss eine angemessene, leicht zugängliche, effiziente und qualitativ hochwertige Versorgung zu akzeptablen Kosten gewährleisten. Für Deutschland lassen sich aus den internationalen Erfahrungen vor allem zwei Schlussfolgerungen ableiten, so die Autoren:

  • Bessere Steuerung der Patienten:
    Die Einrichtung integrierter Informations-, Beratungs-, und Notrufangebote verschiedener Leistungserbringer birgt enormes Potenzial, steht in Deutschland jedoch erst am Anfang. Eines von wenigen Beispielen ist die Integrierte Zentrale Leitstelle Lahn-Dill in Hessen. Dort sind seit Ende der 1990er Jahre Arztnotruf des Kassenärztlichen Notdienstes, Rettungsdienst der Feuerwehr und Katastrophenschutz verknüpft.
  • Neuordnung und Kooperation:
    Bei der Verteilung und Planung von Notfallaufnahmen verfolgen einige Länder zunehmend integrierte Ansätze unter Berücksichtigung der Bevölkerungsverteilung, Krankheitslast, Geografie und Transportinfrastruktur. Deutschland ist davon noch weit entfernt. Mithilfe der vom Gesetzgeber eingeführten Portalpraxen (wir berichteten) soll jedoch in Deutschland ein Konzept entstehen, nach dem Patienten in ambulanten Notdienstzentren auf Basis einer Ersteinschätzung (Triage) entweder an die Notaufnahme verwiesen oder vom ambulanten Notdienst behandelt werden. In Braunschweig beispielsweise starten KV und Klinikum zusätzlich zum Ärztlichen Bereitschaftsdienst eine mit Hausärzten besetzte Notfall-Triage-Praxis, wie die Ärztezeitung aktuell berichtet.

Mit der Reihe „Krankenhaus-Report“ informiert der Schattauer Verlag in Kooperation mit dem Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) jährlich über Hintergründe und Entwicklungen im Krankenhaus-Bereich.

Quellen:
Krankenhaus-Report 2017, Schattauer Verlag, abrufbar unter www.krankenhaus-report-online.de
Triage-Praxis am Klinikum soll Notaufnahme entlasten, Ärztezeitung online 28.3.2017

jh/KWM

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