Lebensretter werden Klimaretter: Ein Interview mit Claus Schorer

Umweltschutz im Klinikalltag

© Wertachkliniken Bobingen & Schwabmünchen

Bereits im Februar berichteten wir vom Umweltschutz im Klinikalltag der Wertachkliniken Bobingen und Schwabmünchen. Dieses Engagement wurde von der Best Practice-Initiative der KTQ GmbH ausgezeichnet. Passend zum heutigen nationalen Klimaretter-Tag, haben wir beim Initiator der Umweltgruppe und Technischen Leiter der Wertachkliniken Bobingen, Claus Schorer, einmal nachgefragt, wie das Klimaretter-Projekt genau funktioniert und welche Maßnahmen die Umweltgruppe dieses Jahr ergreifen möchte.

Herr Schorer, die Wertachkliniken Bobingen und Schwabmünchen beteiligen sich aktuell an dem Projekt „Lebensretter werden Klimaretter“. Das Projekt richtet sich gezielt an das Gesundheitswesen – ob Artpraxis, Krankenkasse oder eben Kliniken. Könnten Sie uns kurz erklären, wie man sich an diesem Projekt beteiligen kann?

Das Klimaschutzprojekt für das Gesundheitswesen „Klimaretter – Lebensretter“ wird von der Stiftung viamedica allen Einrichtungen, Kliniken und Unternehmen der Gesundheitsbranche kostenlos zur Verfügung gestellt, um die Beschäftigten für Energie- und Ressourceneffizienz zu sensibilisieren. Interessierte Unternehmen können sich auf der Projekt-Webseite über ein Kontaktformular anmelden. Die Teilnahme ist unkompliziert: Herz des Projekts ist das Klimaretter-Tool in Form einer App. Damit können die Beschäftigten aus über 20 niedrigschwelligen Klimaschutzaktionen auswählen, deren CO2-Ersparnis einsehen und diese in einem selbst wählbaren Zeitraum umsetzen. Ob Standby vermeiden, mit dem Fahrrad zur Arbeit oder klimafreundlich konsumieren – die Aktivitäten zu den Bereichen Energie, Mobilität, Konsum und Ressourcen sind einfach umsetzbar und motivieren zu einem nachhaltigeren Lebensstil. Jeder kann selbst entscheiden, welche Maßnahmen man umsetzen möchte. Die erzielten CO2-Einsparungen aller Beschäftigten werden dem Unternehmenskonto gutgeschrieben und im Tool in der Ergebnisliste als eine Art Ranking dargestellt.

Die Umweltgruppe der Wertachkliniken hat schon zahlreiche Maßnahmen zum Klimaschutz umgesetzt. Aktuell steht „die Flut der Printwerbung eindämmen“ auf Ihrer Agenda und „weniger Medikamentenrückstände im Abwasser“. Wie entscheiden Sie in der Gruppe, welche Ideen umgesetzt werden?

Die Umweltgruppe ist eine offene Gruppierung ohne festgelegte Regularien und Geschäftsordnung.  Wir kommen zweimal im Jahr zusammen. Meist ist aus jeder Berufsgruppe jemand anwesend. Hier wird über Umwelt-Themen gesprochen, die im Klinikalltag aufgefallen sind oder aus dem Dialog mit Mitarbeitern, Besuchern und Patienten entstanden und Teilnehmern am Herzen liegen. Oft erklären sich ein oder zwei Mitarbeiter bereit, sich eines Themas anzunehmen und es umzusetzen oder Informationen einzuholen, wie ein Thema in anderen Kliniken behandelt wird. Teilweise führen wir auch Teststellungen durch. Momentan haben wir z.B. eine Teststellung über ein Abfalltrennsystem in den Patientenzimmern. Dieses Thema wird von zwei Kollegen betreut, die diese Idee selbst eingebracht haben. Es gibt durchaus auch Ideen, für die sich keiner der Gruppe begeistern kann. Das finde ich letztendlich nicht schlimm, da jeder das Engagement zusätzlich zu dem normalen Alltag leistet.

Eine Maßnahme der Umweltgruppe ist es, die Printkatalogflut einzudämmen. Können Sie kurz die Katalog-Problematik schildern?

In der Regel läuft in den Unternehmen jegliche Beschaffung online. Es sind Kundenportale eingerichtet, über die das meiste des täglichen Bedarfs bestellt wird. Trotzdem kommen gerade am Jahresanfang unzählige Kataloge ins Haus, teilweise in mehrfacher Ausführung zur internen Weitergabe. Meist landen diese Kataloge im Schrank, wo sie nach Monaten oder Jahren wiedergefunden werden oder direkt in den Abfall wandern. Hier gibt es die Möglichkeit, die Kundenhotline anzurufen oder eine E-Mail an den Absender zu schreiben. Überwiegend funktioniert das sehr gut und die Werbesendungen reduzieren sich auf ein Minimum. Digitale Kataloge kann ich mir bei Bedarf online oder per Download ansehen. Bei speziellen Dingen ist dies auf jeden Fall eine Alternative und sogar von Vorteil, weil digitale Kataloge meist auf dem neuesten Stand sind. Ich denke, für die alltäglichen Dinge sind Internet Suchmaschinen ohnehin das meist verbreitete Medium.

Es gibt einige Maßnahmen, die Mitarbeiter sensibilisieren sollen, wie z.B. die „Licht aus“-Hinweise im Haus. Wie schätzen Sie das aktuelle Verhalten der Mitarbeiter ein? Ist eine positive Veränderung im Verhalten bereits spürbar?

Ein kleiner Spruch, den ich immer gerne benutze, ist – „Umwelt beginnt im Bewusstsein der Menschen“. Nachdem der Durchschnittsmensch über die Jahre hinweg so erzogen wurde, dass hauptsächlich der Maßstab Geld im Vordergrund allen Handelns steht, wird er zuhause viel tun, um Energie und Wasser zu sparen oder auch andere Ressourcen zu schonen. Anders verhält es sich im Unternehmen, wo die Energie- und Materialkosten vom Arbeitgeber bezahlt werden. Zudem ist der Arbeitnehmer meist auf seine Tätigkeit fixiert und vernachlässigt unterbewusst ein umweltbewusstes Handeln. Die Umweltgruppe versucht durch kleine Zeichen, Informationen, Mitarbeiterschulungen und Umwelt-Newsletter das Bewusstsein der Mitarbeiter, Patienten und Besucher zu umweltgerechterem Handeln zu bewegen. Mittlerweile bekomme ich zahlreichen Zuspruch von verschiedensten Personen, sodass ich schon eine deutliche Verhaltensänderung bei vielen bemerke.

Andere Maßnahmen, wie z.B. „weniger Medikamentenrückstände im Abwasser“, sind sicherlich mit monetären Aufwendungen verbunden? Wie finanzieren Sie die Umsetzung der Maßnahmen der Umweltgruppe?

Das Thema Medikamentenrückstände, die in die Abwässer gelangen, ist sehr komplex. Hier habe ich noch keinerlei durchgängigen Ansatz in der einschlägigen Literatur gefunden. Durch die Einnahme von Medikamenten, aber auch durch die Massentierhaltung, kommt es zum Eintrag von Rückständen in das Abwasser und in die Umwelt. Letztendlich nehmen wir diese Gifte dann über die Nahrung wieder auf. Wir als Umweltgruppe in der Klinik konzentrieren uns im Moment darauf, einen möglichst umweltgerechten Entsorgungsweg für Medikamentenreste zu suchen. Welche Kosten hierfür anfallen können, muss dann erfasst werden. Zur Finanzierung von kleineren Maßnahmen haben wir eine Geschäftsleitung, die sehr offen dafür ist und dies finanziell unterstützt. Größere Dinge, die meist mit der Krankenhaustechnik zu tun haben, werden über den jährlichen Investitionsplan abgebildet – was als Technischer Leiter dann eine meiner Haupttätigkeiten ist. Hier ist es wichtig, ein stimmiges Gesamtkonzept der Anlagentechnik im Auge zu haben, um eine Klinik mit möglichst wenig Energieeinsatz zu betreiben.

Im Kontext der Finanzierung solcher Maßnahmen, wie schätzen Sie die allgemeinen Umsetzungsmöglichkeiten anderer Kliniken ein?

Ich denke, jede Klinik hat die Möglichkeit, in ihrem Rahmen etwas zu verbessern. Ich kenne Fälle, in denen ohne Not nichts verändert wird. Bedeutet am Beispiel der Technik, dass eine Heizung erst erneuert wird, wenn diese irreparabel beschädigt ist. Dann ist meist Eile geboten, man bekommt auf die Schnelle keine konzeptionell stimmige Anlage, welche zudem teuer ist und einen höheren Verbrauch hat. Das ist aber eher kontraproduktiv. Vernünftige moderne Medizin kann, meines Erachtens nach, nur betrieben werden, wenn das Umfeld stimmt. Hierzu gehört die Infrastruktur einer Klinik ebenso wie ein hoher Stand der Medizintechnik. In einem modernen Haus darf der Umweltgedanke nicht zu kurz kommen. Dies muss von manchen Krankenhausentscheidern und Politikern noch erkannt werden.

Was ist Ihr persönliches Herzensprojekt bzw. Anliegen zum Klimaschutz im Klinikbereich?

Im letzten Jahr wurde im Garten der Klinik in Bobingen ein kleiner Naturpfad errichtet. Diesen Gedanken hatten wir schon länger im Kopf. Mit der Kolpingjugend Bobingen haben wir einen Partner gefunden, der im Rahmen eines 72h-Projektes ein Insektenhotel errichtet hat. Zudem wurden Tafeln aufgestellt, die besondere Bäume sowie einen Totholzbaum und das Insektenhotel beschreiben. Dies wertet einen Patientengarten entsprechend auf und erfreut nicht nur die Insekten, sondern auch Patienten und Besucher. Auf dem Klinikbereich selbst würde ich mir wünschen, dass die Ausbreitung von Einmalartikeln, die unter dem Deckmantel der Klinikhygiene verkauft werden, einen Umkehrtrend erfahren. Selbst Klemmen und Scheren im OP werden nur ein einziges Mal verwendet und danach entsorgt. Für die Aufbereitung von Mehrwegartikeln ist geschultes Personal notwendig. Leider sind Personalkosten immer noch die effektivsten Stellschrauben, um Einsparungen zu generieren.

Können Sie kurz skizzieren, wie Sie sich die ideale Umweltklinik vorstellen?

Die ideale Umweltklinik ist eine Klinik in der Natur, die mit freundlichen Farben und natürlichen Materialien ein Wohlfühlklima erzeugt. Konventionelle und Naturheilmethoden gehen Hand in Hand und die benötigte Energie wird selbst über regenerative Erzeugung gedeckt. Die Emissionen und der Restmüll werden auf ein Minimum beschränkt.

Vielen Dank für das Interview!

Projekt KLIMARETTER – LEBENSRETTER der Stiftung viamedica

Für alle, die sich dafür interessieren Umweltschutz und Klinikbetrieb in Einklang zu bringen, gibt es weitere Informationen rund um das Projekt auf der entsprechenden Webseite. Das Klimaretter-Tool finden Sie hier!

jb/KWM

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