Medizinische Expertensysteme: Das kann Wissensmanagement leisten.

Medizinische Entscheidungen sind individuell und fallbezogen – und die Ärzte müssen dabei auf ihr Fachwissen und ihre Erfahrungen vertrauen. Ein kompetenter Kollege, den man im Zweifelsfall schnell zu Rate ziehen kann, wäre wünschenswert. In der Praxis ist das aber die große Ausnahme. Daraus resultiert für den Einzelnen eine immense Verantwortung. Genau diese droht immer mehr Mediziner regelrecht zu erdrücken. Unser Gesundheitssystem offeriert jedoch wenig Alternativen. Positionen doppelt zu besetzen oder ein generelles Vier-Augen-Prinzip zu realisieren, dafür fehlen personelle und finanzielle Ressourcen. Es wäre in vielen Fällen aber auch wenig effektiv. Was aber umsetzbar ist, ist ein maschineller Sparringpartner, der Ärzte in ihrer täglichen Routine unterstützt und ihnen mit fachlichem Rat begleitet.

Expertensysteme dokumentieren medizinisches Fachwissen

Experten verfügen über besonderes Wissen. Ihr Know-how ist in der Regel sehr spezifisch. Und es ist weltweit in nur einigen wenigen Köpfen gespeichert. Wenn ein Krankenhaus nun genau dieses Fachwissen benötigt, kann es zur großen Herausforderung werden, mit dem entsprechenden Wissensträger in Kontakt zu treten. Abhilfe schaffen medizinische Expertensysteme: Sie bündeln das exklusive Wissen ausgewiesener Spezialisten und machen es so immer und überall zugänglich, auch für fachfremde Mediziner.

Knowledge Engineers als Wissensvermittler

Die Nutzung medizinischer Expertenlösungen ist denkbar einfach, oft sogar intuitiv. Die Herausforderung besteht darin, das Wissen – das größtenteils implizit, nämlich in Form von Erfahrungen vorliegt – zu explizieren und anschließend so aufzubereiten, dass es verständlich und anwendbar wird. Hierfür bedarf es einer Art Mittelsmann: Ein so genannter Knowledge Engineer erfasst das Wissen der Experten. Sie erzählen von ihrem Fachgebiet (Stichwort: Storytelling). Der Knowledge Engineer dokumentiert das darin enthaltene Know-how und fragt bei Unklarheiten nach – und zwar so lange, bis er selbst (als Nicht-Experte) das Thema verstanden hat. Anschließend überführt er dieses unstrukturierte in strukturiertes Wissen und stellt es über ein medizinisches Expertensystem bereit. Anschließend können Ärzte weltweit, zum Beispiel web- und/oder cloudbasiert auf dieses Know-how zugreifen, auch ohne mit dem Experten direkt in Kontakt zu treten.

Selbstlernende Systeme mit viel Potenzial

Explizites Wissen ist allerdings relativ statisch. Einmal eingetragen, kann es abgerufen und genutzt werden. Einen Schritt weiter geht das so genannte Fallbasierte Schließen, auch als „Case-based Reasoning“ bekannt. Hier können Experten ihre Erfahrungen eigenständig in ein medizinisches Expertensystem einpflegen, ohne das ein Knowledge Engineer erforderlich ist. Fachgebiet und Expertenstatus spielt keine Rolle, lediglich täglich medizinische Fachentscheidungen. Sie teilen aktuelle Fälle und erläutern außerdem ihre Herangehensweise bzw. ihren Lösungsansatz. Erreichen die „Cases“ eine kritische Menge, können Ärzte neue Fälle in Form von Fragen an das System formulieren. Das System sucht daraufhin nach ähnlichen Fällen und listet diese mit der dazugehörigen Lösungsstrategie auf. Aus diesen vorliegenden Informationen kann sich der Arzt, die für sich beste Lösung filtern und wiederum eintragen. So entsteht eine kontinuierlich wachsende Wissensdatenbank, die bei erneuten Schwierigkeiten potentiell helfen kann.

Fazit

Geben Krankenhäuser ihren Ärzten die notwendigen Freiräume, sich an Projekten zu medizinischen Expertensystemen aktiv zu beteiligten und ihr Wissen zu teilen, trägt das einerseits zum Aufbau einer Wissenskultur in der Organisation bei. Zum anderen fördert es die Wertschätzung der einzelnen Mediziner. Schlussendlich dient es der gesamten Klinik, weil relevantes Know-how verfügbar ist und Ärzte unkompliziert darauf zugreifen können. Gleichzeitig wird die Effizienz erhöht und die Qualität gesteigert sowie Suchzeiten reduziert und Prozesse beschleunigt.

 

nl/KWM

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