Medizintourismus: Lukratives Zusatzgeschäft für deutsche Kliniken?

Globus mit Stethoskop © Khongtham – Fotolia.com

© Khongtham – Fotolia.com

Jedes Jahr reisen weltweit Millionen von Menschen für eine medizinische Behandlung ins Ausland. Die Beweggründe sind vielfältig: Die medizinische Versorgung im Heimatland ist nicht gewährleistet beziehungsweise mangelhaft, der Spezialist im Nachbarland liegt näher als zu Hause oder die Behandlung in einer ausländischen Klinik ist preiswerter. Auch Deutschland ist ein beliebtes Ziel für „Medizintouristen“: Sowohl nach Anzahl der behandelten Auslandspatienten als auch nach Behandlungsqualität und Service zählt es zu einer der führenden Medizintourismusdestinationen weltweit.

Zu diesem Ergebnis kommt die Potenzialstudie „Medizintourismus Berlin-Brandenburg 2015“, die im Auftrag des Clusters Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg – HealthCapital durchgeführt wurde. Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass sich eine hervorragende medizinische Versorgung zu vergleichsweise niedrigen Behandlungskosten flächendeckend so nirgendwo auf der Welt finde. 2013 ließen sich rund 241.000 Patienten aus dem Ausland stationär oder ambulant in Deutschland behandeln, was dem deutschen Gesundheitssystem Einnahmen von fast 1,2 Milliarden Euro brachte und durch Ausgaben von Patienten und deren Begleitung für Transporte, Übernachtungen sowie Einkäufe ergänzt wurde. 2015 waren es nach Angaben des Medizintourismusexperten Jens Juszczak von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg mehr als 255.000 Patienten aus 177 Ländern.

Für Kliniken sind internationale Patienten nicht nur aufgrund der zusätzlichen Einnahmen, sondern auch zur Auslastung freier Kapazitäten in Rehabilitationseinrichtungen oder zur Erhöhung der Fallzahlen bei Forschungsvorhaben an Patienten mit seltenen Erkrankungen interessant.

Vor allem Berliner Kliniken beliebt bei ausländischen Patienten

Jedes Jahr entscheiden sich 17.000 bis 21.000 internationale Patienten für eine Behandlung in Berlin und Umgebung, darunter werden rund 2.000 in den fünf Vivantes-Komfortkliniken behandelt. Auslandspatienten generieren der Studie zufolge mit 100 bis 150 Millionen Euro Umsatz pro Jahr erhebliche Erlöse für medizinische Einrichtungen, Hotellerie, Handel und Dienstleistungsunternehmen. Die meisten Medizintouristen kämen aus Russland, der Ukraine und Kasachstan sowie aus den Golfstaaten nach Berlin. Besonders nachgefragt seien kosmetische Chirurgie, Zahnmedizin, Augenlasern, Herzchirurgie sowie künstliche Hüft- und Kniegelenke oder Magen-Bypässe gegen Fettleibigkeit. Um Berlins Stellung auf diesem Sektor auszubauen, fördert die Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung ihn mit insgesamt einer Million Euro.

Rückgang von russischen und arabischen Patienten

Ende Februar 2017 berichtete die Ärzte Zeitung, dass vor allem aus Russland, aber auch aus der Ukraine und Kasachstan sowie aus dem arabischen Raum zunehmend Patienten wegblieben. Dies liege zum einen an den EU-Wirtschaftssanktionen gegen Russland und an der Sezessions- und Wirtschaftskrise in der Ukraine. In vielen Golfstaaten würden die finanziellen Mittel für Auslandsbehandlungen verringert. Außerdem investieren Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate zunehmend in den Ausbau eigener Gesundheitsangebote, um selbst attraktiver für Medizintouristen aus dem arabischen Raum zu werden. Die Zahlen im Asklepios Klinikum in Barmbek scheinen sich jedoch entgegen diesem Trend zu entwickeln: Die internationale Organisation Medical Travel Quality Alliance hat die Klinik zur weltbesten Destination für Medizintouristen gekürt. Laut Asklepios verzeichne die Klinik in Barmbek steigende Patientenanfragen aus dem Ausland und habe im Vergleich zu 2009 die Zahl ausländischer Privatpatienten in seinen Hamburger Kliniken mehr als verdoppelt.

Quellen:
kma – Das Gesundheitswirtschaftsmagazin:
https://www.kma-online.de/aktuelles/klinik-news/detail/berlin-und-vivantes-buhlen-um-reiche-patienten-a-30777
Unter dem Motto „Let Berlin take care of you!“ hat visitBerlin ein eigenes Portal mit Angeboten und Informationen rund um den Gesundheitstourismus in Berlin eingerichtet.
Potenzialstudie „Medizintourismus Berlin-Brandenburg 2015“, im Auftrag des Clusters Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg – HealthCapital durchgeführt.
ITB Berlin 2017: Berlin: Medizintourismus – ein Potential
Hochschule Bonn-Rhein-Sieg: Wirtschaftswissenschaften Bereich Medizintourismus
Weniger Patienten für deutsche Kliniken? Ärzte Zeitung online vom 28.2.2017
Beste Klinik weltweit in Hamburg? Ärzte Zeitung online vom 13.3.2017

jh/KWM
Bildquelle: © Khongtham – Fotolia.com

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar