Nachgefragt: Was belastet und motiviert zugewanderte Ärzte im Klinikalltag?

Globus mit Stethoskop © Khongtham – Fotolia.com

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Ärzte aus dem Ausland leisten einen wichtigen Beitrag zur medizinischen Versorgung in Deutschland: Ohne sie bliebe so manche freie Stelle unbesetzt und manches Verständigungsproblem mit Patienten mit Migrationshintergrund unverstanden. Ungeachtet dessen wird ihnen hierzulande in ihrem Arbeitsumfeld nicht immer kollegial begegnet. Deshalb fühlen sie sich oft nicht wohl in deutschen Kliniken, das ergaben Interviews, die Wissenschaftler des Universitätsklinikums Leipzig mit zugewanderten Medizinern geführt haben.

Das belastet ausländische Ärzte:

 

  • Aus Sprachdefiziten leiten Kollegen und Patienten fachliche und/oder intellektuelle Unzulänglichkeiten ab; umgekehrt wird die Ressource der Muttersprache kaum wertgeschätzt.
  • Misstrauen der Kollegen und Patienten gegenüber der im Ausland erworbenen medizinischen Abschlüssen
  • Die Zusammenarbeit im Team ist oft schwierig: Die Befragten berichten von Kritik, Ablehnung und fehlendem Respekt v.a. seitens Kollegen aus der Pflege.
  • Sowohl das Gesundheitssystem als auch die Klinikorganisation bereiten den Befragten Schwierigkeiten: Genannt wurden Zeitknappheit, Personalmangel, lange Dienste und eine dysfunktionale Organisation.
  • Darüber hinaus fühlen sich viele fachlich unterfordert.

Das motiviert ausländische Ärzte:

 

  • Bessere Bezahlung und Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt
  • Zeitnaher Beginn der Facharztausbildung
  • Bessere moderne medizinische Behandlungsmöglichkeiten

In den Gesprächen wurde deutlich, dass die Belastungen für die ausländischen Fachkräfte überwiegen. Das ist zum einen nicht gut fürs Arbeitsklima, zum anderen gefährdet es die Motivation, Lernbereitschaft und Eigeninitiative, die zugewanderte Fachkräfte nach Aussage der Autoren in hohem Maße mitbringen.

Das können Kliniken tun:

 

  • Interne Angebote wie Sprachkurse oder Informationsvermittlung zum deutschen Gesundheitssystem sollten bei Arbeitsaufnahme starten und zu praktikablen Arbeitszeiten stattfinden.
  • Eine Freistellung von üblichen Arbeitstätigkeiten bzw. Anrechnung der Kurse als Arbeitszeit ist dabei wünschenswert.
  • Sprachkurse sollten nicht nur medizinisches, sondern auch umgangssprachliches Vokabular vermitteln.
  • Vorbereitungs- und Sensibilisierungsseminare für inländische Kollegen und Vorgesetzte bereiten den Weg für eine erfolgreiche Integration ausländischer Kollegen. Hier gilt es insbesondere die Empathie und die das Verständnis für die neuen Kollegen zu fördern.

Zur Studie:

Die Befragung führten Wissenschaftler der Fakultät Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Leipzig durch. Im Rahmen einer qualitativen Untersuchung führten die Forscher im Zeitraum von Juli bis September 2014 acht problemzentrierte Interviews mit zugewanderten Ärztinnen und Ärzten und analysierten diese hinsichtlich der von ihnen empfundenen Herausforderungen und Chancen im deutschen Klinikalltag. Die Befragten stammten aus dem EU-In- und Ausland und waren seit 1,0–4,5 Jahren in verschiedenen Kliniken in Deutschland tätig.

Mehr zum Thema lesen Sie auch hier: Ausländische Ärzte besser in den Klinikalltag integrieren

Quelle:
Isabel Hohmann, Heide Glaesmer und Yuriy Nesterko:
Zugewanderte Ärzte: Chancen und Herausforderungen im deutschen Klinikalltag
PPmP Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie 2018, online erschienen am 19.1.2018

cp/KWM
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