New Work im Gesundheitswesen: Geht das überhaupt?

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Spätestens seit mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie weltweit Millionen Beschäftigte ins Home-Office geschickt worden und Gefallen am orts- und zeitunabhängigen Arbeiten gefunden haben, ist New Work in aller Munde. Arbeiten, wann und wo ich will. Im Gleichklang mit meinem Biorhythmus und mit dem Ziel einer ausgeglichenen Work-Life-Balance. Für viele Büroangestellte ist das das „neue Normal“. Für Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger und viele andere Akteure im Gesundheitssektor stellt sich die Frage nach dieser Form der Flexibilisierung aber gar nicht. Sie müssen vor Ort sein, beim Patienten. Remote Work ist für sie folglich keine Option. New Work aber schon. Mehr noch: New Work darf für den Health Sector nicht nur eine Möglichkeit darstellen, sondern muss schnellstmöglich zum neuen Standard mutieren. Nur so lassen sich Fachkräfte finden und langfristig binden.

New Work ist gar nicht so neu

Den Begriff „New Work“ gibt es schon lange. Er geht auf den österreichisch-amerikanischen Anthropologen Frithjof Harold Bergmann zurück, der bereits Anfang der 1980er Jahre mit seiner New-Work-Bewegung ein Gegenmodell zur herrschenden „Knechtschaft der Lohnarbeit“ entwickeln wollte. Die Leitmotive seines Konzepts waren Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe. Heute wird New Work oftmals – fälschlicherweise – nur auf das orts- und zeitunabhängige Arbeiten reduziert. Dabei versteckt sich dahinter ein deutlich größerer Gestaltungsspielraum – heute noch vielmehr als vor 40 Jahren. Im Zentrum aller Überlegungen stehen die Aspekte Flexibilisierung und Mitbestimmung.

Flexibilisierung hat viele Facetten

Flexibilisierung betrifft in erster Linie Arbeitszeit und -ort. Da reines Home-Office für die meisten Gesundheitsberufe ausgeschlossen ist, kann die Umsetzung beispielsweise durch die Möglichkeit von Jobsharing erfolgen. Oder durch das Führen von Arbeitszeitkonten, bei der sich die angesparte Zeit in Form eines Sabbaticals einlösen lässt. Zudem ist es denkbar, administrative Tätigkeiten – wie Dokumentationspflichten – von der Anwesenheit in der Klinik zu entkoppeln und ein festgelegtes Stundenkontingent pro Woche oder Monat „remote“ anzubieten.

Flexibilisierung betrifft aber noch viel mehr. Es geht um Strukturen, Abläufe und Denkmuster. Beispielsweise lässt sich das auf Abstimmungsprozesse übertragen: Muss die Abstimmung immer vor Ort stattfinden? Oder gibt es im Zuge der Digitalisierung nicht auch adäquate Methoden, sich virtuell – und damit zeit- und ortsunabhängig – auszutauschen? Oder – weiter gedacht in Richtung Führung: Müssen Feedbackprozesse immer eindimensional sein? Bietet es sich nicht auch an, einmal den Blickwinkel zu wechseln und Rückmeldungen von unten nach oben zu geben?

Mitgestaltung als Wesensfaktor von New Work

Genau an diesem Punkt kommt auch die Mitgestaltung ins Spiel. Vor allem die jüngere Generation Y fordert Mitbestimmung und Mitgestaltung proaktiv ein. Im Krankenhaus ist die Umsetzung aber nach wie vor schwierig. Gewachsene Strukturen und hierarchisches Denken stehen diesem wichtigen Aspekt von New Work oftmals im Wege. Es geht den Mitarbeitern um Mitspracherechte, um Kommunikation auf Augenhöhe, um Wertschätzung und um eine Fehlerkultur, in der Fehler als Lernquelle dienen. All das sind Aspekte von New Work, die aus dem Wissensmanagement und der dafür erforderlichen Wissenskultur bereits bekannt sind – und die sich auch im Gesundheitswesen umsetzen lassen.

Mit New Work gegen den Fachkräftemangel

Und selbst wenn Kritiker argumentieren: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Oder: „Bei uns funktioniert das nicht.“, dann sei ihnen entgegenzuhalten, dass die Zukunft des hiesigen Gesundheitswesens maßgeblich von diesen Faktoren abhängen wird: Momentan verbleiben Pfleger lediglich rund acht Jahre in ihrem Beruf, Krankenschwestern knapp 14 Jahre.[1] Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels und einer angestrebten Lebensarbeitszeit von 45 Jahren ist das definitiv zu wenig. Um die Beschäftigten im Gesundheitswesen langfristig zu halten und für neues Personal attraktiv zu werden, müssen die Mitarbeiter zu Mitgestaltern werden. Auf ihre Stimme kommt es an, wenn Strukturen und Abläufe – gerade auch im Zuge der Digitalisierung – neu definiert werden.

Digitalisierung als Enabler

New Work gelingt im Gesundheitswesen nämlich auch dank und mit der Digitalisierung: Digitale Vernetzung, sprachgestützte Dokumentation, körperliche Entlastung mittels künstlicher Intelligenz, automatisierte Workflows und bedarfsgerechte Informations- und Wissensvermittlung, beispielsweise auf Basis von Machine Learning setzen wertvolle Ressourcen frei. Diese Ressourcen können vor allem Pfleger dafür verwenden, wieder mehr Zeit für den einzelnen Patienten zu haben. Denn dafür haben die meisten Fachkräfte im Gesundheitswesen ihre Profession gewählt: wegen der Arbeit an und mit den Patienten. Und wenn sie die dafür erforderliche Zeit zurückgewinnen, dann kommt auch der Spaß an der Arbeit wieder.


[1] https://www.pr.uni-freiburg.de/publikationen/surprisingscience/facetten_des_alterns/pflege/pflege

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