Nur einheitliche Standards bringen E-Health voran

Standards Digitalisierung © Mathias Rosenthal/ adobe.stock.com

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Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland hinsichtlich der Digitalisierung des Gesundheitswesens hinterher. Es sind aber nicht in erster Linie fehlende Investitionsmittel, die den Fortschritt hemmen. Laut der Vorsitzenden des Spitzenverbands IT-Standards im Gesundheitswesen (SITiG), Sylvia Thun, fehlt es vor allem an verbindlichen Standards, die die Grundlage für eine wirkliche Vernetzung im Gesundheitswesen bilden. Im Interview auf kma-online erklärt sie, was grundsätzlich notwendig ist, um den sicheren Austausch von Informationen gewährleisten zu können.

Der allseits beschworene und zum Teil befürchtete Austausch von Daten zwischen Menschen, Maschinen, Ärzten und Patienten findet laut Thun derzeit hierzulande noch nicht statt. Digitale Technologien werden von den Einzelnen zwar genutzt, sind aber untereinander nicht vernetzt. Neben der Notwendigkeit, dass verschiedene IT-Systeme untereinander „operieren“ (Interoperabilität) können, habe man in Deutschland die „semantische Interoperabilität“ bis heute vernachlässigt. „Wir basteln nach wie vor an einer speziellen Infrastruktur, gewissermaßen einem Intranet für das Gesundheitswesen, obwohl wir dafür auf Vorhandenem hätten aufbauen können“, erklärt Sylvia Thun.

Voraussetzung für einen Austausch: Semantische Interoperabilität

Es sei deshalb wichtig zu erkennen, dass die Investition in die technische Infrastruktur nur dann ein Gewinn ist, wenn darüber in einer einheitlichen Sprache kommuniziert wird. Das medizinische Begriffssystem SNOMED CT (Systematized Nomenclature of Medicine/ Clinical Terms) bietet eine notwendige systematisierte Nomenklatur der Medizin und ist aktuell der international favorisierte Terminologie-Standard in der elektronischen Information. So ist es beispielsweise vor dem Hintergrund der geplanten elektronischen Patientenakte wichtig, komplexe medizinische Sachverhalte einheitlich und semantisch korrekt zu dokumentieren, und dass institutionsübergreifend. Verantwortlich für den Erwerb einer nationalen Lizenz wäre das Bundesministerium für Gesundheit, so Thun. Die momentane Einzellizensierung pro Anwender ist mit hohen Transaktionskosten und Nutzungsbeschränkungen verbunden, beklagt auch der Dachverband ärztlicher Diagnostikfächer (DVÄD). In einem offenen Brief im Sommer dieses Jahres wandten sich die Verantwortlichen an die Bundesministerien für Bildung und Forschung (Prof. Dr. Johanna Wanka), Wirtschaft und Energie (Brigitte Zypries) sowie Gesundheit (Hermann Gröhe) und sprechen sich für eine notwendige Lizensierung durch die Bundesrepublik aus.

Kliniken sollten auf internationale Standards setzen

Einrichtungen, die ihre technische Infrastruktur auf die Zukunft ausrichten wollten, rät Thun, ein System zu wählen, das internationale Standards erfüllt. Zum einen seien diese ausgereifter, zum anderen blieben Einrichtungen bei einem möglichen Anbieterwechsel weitaus flexibler als bei einer „Insellösung“.

© Springer VerlagBuchtipp:
Müller-Mielitz, S.; Lux, T.:
E-Health-Ökonomie
Springer Verlag, 2016

Das Buch enthält u.a. das Kapitel „SNOMED CT und IHTSDO-Mitgliedschaft – Nutzen einer Referenzterminologie für Deutschland aus der Perspektive der Neuen Institutionenökonomik“, das Sylvia Thun gemeinsam mit der Heike Dewenter verfasst hat. Heike Dewenter ist wissenschaftliche Projektleiterin im Competence Center eHealth der Hochschule Niederrhein.

Quellen:
Interview: „Deutschland braucht eine richtige E-Health-Strategie“, kma-online, 5.12.2017
Semantische Interoperabilität: Was soll das bedeuten, www.e-health-suisse.ch

cp/KWM
Bildquelle: © Mathias Rosenthal/ adobe.stock.com und Springer Verlag

 

 

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