Nur wenige Medizinerinnen schaffen es bis ganz nach oben

Frau im Chefsessel © fotohansel – Fotolia.com

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Über die Hälfte der Medizinstudierenden sind Frauen. In den Vorständen von Kliniken und Krankenkassen oder den Dekanaten der Universitäten sucht man sie in den meisten Fällen vergeblich. Warum das immer noch so ist? In der Juni-Ausgabe „kma – Das Gesundheitswirtschaftsmagazin“ äußern sich Ärztinnen über mögliche Ursachen.

2016 veröffentlichte der Deutsche Ärztinnenbund eine Studie, die in 16 medizinischen Fachbereichen die Verteilung der Führungspositionen untersuchte. Das Ergebnis: In den Chefetagen – definiert als Klinikchef oder Lehrstuhlinhaber – liegt der Frauenanteil gerademal bei zehn Prozent. Die Dekanate der Universitäten sind ebenfalls männlich dominiert. Einzig in Freiburg leitet Anatomieprofessorin Dr. Kerstin Krieglstein seit 2014 die medizinische Fakultät. Komplett frauenfrei zeigen sich die Vorstände der zehn größten deutschen Krankenkassen. Mehr Verantwortung tragen Frauen hingegen im Bereich Finanzen oder Organisation in den Vorständen von Kliniken – bei konfessionellen Trägern ist ihr Anteil besonders gering.

Professor Gabriele Kaczmarczyk, stellvertretende Vorsitzende des Ärztinnenbundes, sieht in den immer noch starren Hierarchien in der Medizin einen Teil des Problems:

„Klinikdirektoren suchen für ihre Nachfolge nach jüngeren Exemplaren ihrer selbst.“

Rollenvorstellungen, die Art, Entscheidungen zu treffen und die Arbeitsethik würden sich daher kaum wandeln. Dr. Ellen Lundershausen, Präsidentin der Landesärztekammer Thüringen, fordert Ärztinnen auf, sich mehr politisch zu engagieren – sei es in Standesorganisationen oder in Fachgesellschaften.

„Es sind immer noch die abendlichen Runden an der Bar, wenn die besten Witze lange erzählt sind. Dann wird Politik gemacht.“

Frauen hätten sich dann meist schon zurückgezogen, müssten oft noch Familiäres organisieren. Auch erweise sich die Forderungen nach mehr Teilzeitstellen in der Medizin für Frauen als Karriere-Falle. Dabei böte sich gerade in Führungspositionen eine Arbeitsteilung oft an, erklärt Gabriele Kaczmarczyk und verweist auf Doppelspitzen in der Politik. Dieses Modell ließe sich auch auf die Medizin übertragen.

Professor Annette Grüters-Kieslich ist seit Juni 2017 Ärztliche Direktorin am Heidelberger Universitätsklinikum. Im Interview mit der „kma“ betont sie die Rolle von Mentoren und Vorbildern für die Entwicklung akademischer Karrieren. Gerade für Frauen sei es wichtig zu sehen, dass man es nicht nur als Mann weit bringen kann. „Die Zusammenarbeit mit den Professorinnen, unter deren Anleitung ich als junge Wissenschaftlerin geforscht habe, hat mir die Vorstellung einer eigenen wissenschaftlichen Laufbahn erst eröffnet“, berichtet sie. Hinzu komme, dass viele Ärzte ihre Kolleginnen bis heute als weniger belastbar einschätzen als sich selbst. Auch sei für sie eine Frau aufgrund einer möglichen Schwangerschaft weniger kalkulierbar als ein männlicher Kollege. Gleichzeitig wandelten sich die gesellschaftlichen Ansprüche an die Vereinbarkeit von persönlichem Glück und beruflicher Erfüllung, mit der sich die Medizin bislang zu wenig auseinandersetze. Wenn sich das Fach für diesen Wandel nicht öffne, so Grüters-Kieslich, würde der Arztberuf als erfüllende Karriereperspektive irgendwann wirklich nicht mehr gut zu vermitteln sein.

Quelle:
FZMedNews, Spitzenpositionen in der Medizin – Chefsessel sind fast ausschließlich von Männern besetzt, Juni 2017, basierend auf:
S. Rößing:
Spitzenpositionen in der Medizin: Frauen an die Macht
kma – Das Gesundheitswirtschaftsmagazin 2017; 22 (6); S. 30–36
S. Rößing:
Interview mit Prof. Annette Grüters-Kieslich: Frauen in der Medizin haben noch einen langen Weg vor sich
kma – Das Gesundheitswirtschaftsmagazin 2017; 22 (6); S. 34–35

cp/KWM
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