Patientensicherheit in Kliniken weiter verbessern

© Thieme & Frohberg GmbH

Wie lässt sich die Sicherheitskultur in Krankenhäusern fördern? Welche Maßnahmen tragen zu einer höheren Patientensicherheit in Kliniken bei? Darauf geht Frau Dr. Ruth Hecker, Vorsitzende des Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS), im zweiten Teil des KWM-Interviews ein.

Frau Dr. Hecker, Sie fordern, einen Chief Patient Safety Officer in der Klinikleitung zu etablieren. Warum?

Zur Geschäftsführung von Krankenhäusern zählen üblicherweise ein Kaufmann sowie jeweils ein Vertreter aus der Pflege und aus dem medizinischen Bereich. Entscheidungskriterien sind dementsprechend:

  • Wie soll es medizinisch weitergehen?
  • Welche Unterstützung seitens der Pflege brauchen wir?
  • Was kostet das?

Dabei bestimmt in der Regel der kaufmännische Part das Geschehen, zumal in den meisten Krankenhäusern – abgesehen von Unikliniken – der Mediziner nur ein nebenamtlicher Ärztlicher Direktor ist, der sich in erster Linie um seine eigene Abteilung kümmern muss.

An die Patientensicherheit wird bei der Entscheidungsfindung sicherlich auch gedacht, doch niemand ist darauf fokussiert. Risiken zu bewerten ist aber die Grundlage für informierte Entscheidungen. Das ist ein wesentliches Element des klinischen Risikomanagements und steht für Patientensicherheit. An dieser Stelle stehen das kaufmännische und das klinische Risikomanagement in Konkurrenz zueinander.

Darum brauchen wir einen Chief Patient Safety Officer in der Klinikleitung, der hinterfragt, welchen Einfluss Beschlüsse der Geschäftsführung auf die Patientensicherheit haben können. Und der als wichtige Entscheidungskriterien folgende Fragestellungen ergänzt:

  • Was müssen wir beachten, um die Patientensicherheit zu gewährleisten?
  • Brauchen wir eine Risikoanalyse und -bewertung?

Dadurch wird Patientensicherheit zu einer Richtschnur für die Klinikleitung – und somit auch für sämtliche Maßnahmen in der Klinik. Das wirkt sich gleichzeitig positiv auf die Sicherheitskultur in Kliniken aus.

Was ist außerdem erforderlich, um die Sicherheitskultur in Krankenhäusern zu fördern?

Wir brauchen in den Kliniken gute Qualitätsmanagement-Beauftragte. Zudem ist natürlich die Unterstützung durch die Führungskräfte in Medizin und Pflege wichtig. Vielfach gibt es leider immer noch dieses falsche Denken: „Wir wollen nicht unangenehm auffallen. Ich darf das nicht sagen, weil ich sonst meine Karriere oder die von anderen in Gefahr bringe. Ich darf im Team keinen Fehler zugeben, weil sonst der Haftpflichtversicherer die Haftung aussetzt…“

Daher müssen wir kontinuierlich daran arbeiten, eine Kultur zu entwickeln, in der wir freiwillig, offen und ehrlich über Fehler sprechen. Wir sind Ärzte oder Pflegekräfte – und wir machen Fehler. Das ist normal! Dabei ist im Umgang miteinander eine „No Blame“-Kultur unerlässlich, bei der niemand denunziert oder beschuldigt wird.

Denn Sie dürfen nicht vergessen: Der Arzt, der bei einer Seitenverwechslung das Skalpell führt, oder die Schwester, die die falsche Spritze in der Hand hat, ist jeweils das letzte Glied innerhalb eines fehlerhaft verlaufenen Prozesses. Wir haben mittlerweile in Deutschland etliche Vorkehrungen etabliert, um Behandlungsfehler zu vermeiden, z. B. die 6-R-Regel oder Team-Time-Out. Werden diese Sicherheitsmaßnahmen jedoch nicht eingehalten, weil jeder denkt, die Kollegen würden schon aufpassen, dann kann es passieren, das fortlaufende Fehler zu einem Patientenschaden führen.

Wenn wir derartige Vorkommnisse jedoch transparent machen, können wir daraus lernen und Maßnahmen ableiten, um sie künftig zu vermeiden.

Welche weiteren Maßnahmen sind für die Patientensicherheit in Kliniken wichtig?

Gerade in der heutigen schnelllebigen Zeit ist es elementar, regelmäßige Trainings sowie Fort- und Weiterbildungen durchzuführen. So simulieren wir viel zu wenig in deutschen Kliniken. Damit meine ich nicht Reanimationstraining, sondern Team-Trainings für kritische Prozesse.

Beispielsweise hätte man vor rund vier Wochen gut simulieren können, wie in der Klinik vorgegangen wird, wenn ein Patient mit Corona-Infektion eingeliefert wird. Bei einer derartigen Simulation wird deutlich, ob alle benötigten Utensilien parat sind, ob die Logistik funktioniert, ob alle Mitarbeiter in den betroffenen Abteilungen wissen, was sie zu tun haben – kurz: ob alles so läuft, wie geplant. Denn erst, wenn man einen Prozess tatsächlich Schritt für Schritt durchläuft, kann man an jedem Punkt überprüfen, ob und welche Risiken es gibt. Daraus lassen sich dann Maßnahmen ableiten, um den Prozess abzusichern. Das lässt sich zwar auch theoretisch auf dem Papier vollziehen, aber besser ist es in Form einer Simulation.

In anderen Hochrisiko-Bereichen, wie der Kernenergie oder der Luftfahrt, hat jeder Mitarbeiter mindestens einmal im Jahr Simulationstrainings zu absolvieren. Im Gesundheitswesen ist es weder vorgeschrieben, noch wird es freiwillig in allen Kliniken in diesem Umfang praktiziert.

Typische Argumente gegen Simulationstrainings sind, neben den Kosten, Personalmangel und Zeitdruck. Und damit kommen wir direkt zum nächsten Punkt: Ohne Personal keine Patientensicherheit in Kliniken! Denn auch wenn die Handlungsempfehlungen vom APS in der Regel ohne großen Ressourcenaufwand umsetzbar sind, benötigen die Mitarbeiter Zeit dafür. Das gilt schon für einfache Maßnahmen, wie die korrekte Händedesinfektion oder das 4-Augen-Prinzip. Hinzu kommt: Wer aufgrund von Personalnot mit der Patientenversorgung überfordert ist, macht eher Fehler. Das gilt natürlich umso mehr in kritischen Momenten. Hier ist die Politik gefragt.

Was ist im Zusammenhang mit der zunehmenden Digitalisierung in Kliniken zu beachten?

Die Digitalisierung kann gleichermaßen guten und schlechten Einfluss auf die Patientensicherheit in Kliniken haben. Mögliche Risiken in diesem Zusammenhang sind:

  • Unzureichender Schutz des IT-Netzes vor externen Angriffen oder unberechtigten Zugriffen
  • Nicht-Verfügbarkeit von IT-Netzen und Patientendaten, z. B. bei einem Ausfall der IT-Infrastruktur im Krankenhaus
  • Überlassung von Daten an externe Dienstleister, z. B. die Nutzung von Clouds
  • Unsichere Einbindung von Medizinprodukten in IT-Netze, z. B. durch fehlende Zusammenarbeit der Medizinprodukte-Verantwortlichen mit der IT
  • Unzureichende digitale Kompetenz des therapeutischen Teams

In unserer Handlungsempfehlung „Risikomanagement in der Patientenversorgung – Digitalisierung“ gehen wir auf die o. g. Risiken und notwendigen Gegenmaßnahmen ein.

Die Fort- und Weiterbildung der Mitarbeiter ist auch bei der Digitalisierung entscheidend. Denn nur mit einer gewissen digitalen Kompetenz kann ich eigene Fehler vermeiden bzw. mögliche Systemfehler bemerken. Auch hier ist es wichtig, dass Mitarbeiter ohne falsche Scham sofort sagen, wenn etwas nicht funktioniert oder sie etwas nicht verstehen.

Sie sehen: Das Verständnis von Patientensicherheit und Sicherheitskultur ist ein grundlegendes, das in allen Bereichen zum Tragen kommen muss.

ep/kwm

Im ersten Teil des Interviews mit Frau Dr. Hecker lesen Sie über Erfolge in Bezug auf die Patientensicherheit, Umsetzungsschwierigkeiten in deutschen Kliniken und neue Ziele des APS.

Dr. Ruth Hecker, Vorsitzende des APS

Dr. Ruth Hecker, APS-Vorsitzende (Foto: Helen Hecker)

Frau Dr. Ruth Hecker ist Vorsitzende des Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS), Fachärztin für Anästhesie und Chief Patient Safety Officer in der Universitätsmedizin Essen.

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar