Pflegefachkräfte dringend gesucht: Was tun gegen den Personalmangel?

Pflegefachkräfte dringend gesucht: Was tun gegen den Personalmangel?

© Thieme & Frohberg GmbH

Seit Jahren haben Kliniken Schwierigkeiten, Pflegefachkräfte für ihre freien Stellen zu finden. Erschwerend kommt hinzu, dass gerade in der Pflege viele Mitarbeiter ihren Beruf weit vor dem Rentenalter aufgeben. Woran das liegt und was dagegen zu tun ist, berichten Prof. Dr. Sabine Hahn und Dr. Karin A. Peter von der Berner Fachhochschule (BFH) im KWM-Interview.

Warum verlassen so viele Pflegefachkräfte vorzeitig ihren Beruf?

Sabine Hahn: Die Anforderungen, die der Pflegeberuf an die Pflegefachkräfte stellt, werden häufig unterschätzt. Das ist sehr unbefriedigend und sicher ein Grund, warum ca. 40% der Pflegefachkräfte ihren Beruf frühzeitig aufgeben [1]. Zum Vergleich: Gerade mal 14% der Ärzte steigen frühzeitig aus der direkten Patientenversorgung aus [2].

Karin A. Peter: Folgende weitere Punkte spielen dabei eine wichtige Rolle:

  • hohe Anforderungen, insbesondere durch eine Verdichtung der Arbeit aufgrund verkürzter Verweildauer der Patienten
  • aus Kostengründen reduzierte Personalressourcen sowie nicht besetzte Stellen, damit verbunden viel Verantwortung für die wenigen qualifizierten Fachpersonen sowie hohe emotionale und körperliche Belastungen
  • schlechte Rahmenbedingungen bei der Arbeit, z. B. schwierige Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben durch die Schichtarbeit, wenig Spielraum und Einfluss auf den Schichtplan, fehlendes Einhalten von Pausen- und Ruhezeiten, häufiges Leisten von Überstunden
  • wenige Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Arbeitsgestaltung, mangelnde Rollenklarheit, Rollenkonflikte
  • Unzufriedenheit mit der Entlohnung und fehlende Wertschätzung
  • ungenügende berufliche Entwicklungsmöglichkeiten, z. B. aufgrund mangelnder Weiterbildungsoptionen sowie fehlender Förderung durch Vorgesetzte
  • fehlende Kompetenz der Vorgesetzten, B. negative Fehler- und Feedback-Kultur, mangelnde Unterstützung sowie mangelnde Wertschätzung

Alle genannten Faktoren beeinträchtigen wesentlich die Zufriedenheit wie auch die Gesundheit der Pflegekräfte und spielen eine wichtige Rolle bei dem Wunsch, den Beruf frühzeitig zu verlassen [3-5].

Wäre die Einstellung von zusätzlichen Pflegehilfskräften eine Lösung, um Fachkräfte möglichst schnell zu entlasten und so ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern?

Sabine Hahn: Nein, die Erfahrung zeigt, dass dies nicht ausreicht. Es trägt sogar dazu bei, dass noch mehr examinierte Kräfte kündigen. Denn der Mangel an Fachkräften wird dadurch nicht verringert oder aufgefangen, da Hilfen keine komplexen Aufgaben übernehmen können. Sie sind nicht dafür ausgebildet.

Hinzu kommt: Wenn eine Pflegefachkraft mit vielen Hilfen arbeiten muss, kann sie wegen der umfangreichen Controlling-Aufgaben zu wenig ihrer qualifizierten Tätigkeit nachkommen. Das ist dann wieder demotivierend und frustrierend. Nur weil viele „Hände“ da sind, wird ja die qualifizierte Arbeit nicht erledigt. Darum ist ein angepasster Grade-Mix so wichtig.

Viele Kliniken werben im Ausland intensiv um Pflegefachkräfte…

Karin A. Peter: Arbeitskräfte aus dem Ausland können nur bei sehr guten Kenntnissen der Landessprache und erst nach einer sorgfältigen Einarbeitungszeit, bei der fachliche und kulturelle Kompetenzen berücksichtigt werden, Entlastung bieten. Dies ist aber beim weltweiten Mangel an Pflegefachkräften nur eine sehr kurzsichtige Lösung.

Wenn wir auf aktuelle und künftige Herausforderungen blicken, z.B. durch demographische Entwicklungen und auch durch neue Erkrankungen wie Covid 19, müssen wir feststellen: Es gibt keine kurzfristigen Lösungen. Wir brauchen insgesamt mehr gut ausgebildete Pflegefachkräfte im Gesundheitssystem.

Mit der „Ausbildungsoffensive Pflege“ versucht Deutschland, mehr Menschen für die Pflegefachausbildung zu gewinnen. Welche politischen und gesellschaftlichen Änderungen sind darüber hinaus erforderlich, um den Pflegeberuf für junge Menschen attraktiver zu gestalten?

Sabine Hahn: Um den Beruf auch für interessierte junge Menschen als attraktiv zu präsentieren, brauchen wir mehr Anerkennung für Pflegefachkräfte! So ist die Pflege als systemrelevant anzuerkennen. Das hat uns gerade erst die Bekämpfung der gesundheitlichen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie sehr deutlich vor Augen geführt.

Gesellschaftlich wird auch noch zu häufig ausgeblendet, dass Pflegefachkräfte zur Ausübung ihres Berufes hohe fachliche und menschliche Kompetenzen benötigen. So sind Pflegefachkräfte als einzige Berufsgruppe über lange Zeiträume permanent in direktem Kontakt mit körperlich und psychisch erkrankten oder beeinträchtigten Personen und deren Angehörigen. Somit stellt der Pflegeberuf eine ideale Kombination für emotional und kognitiv intelligente Menschen dar, die eine sinnhafte Tätigkeit leisten und sich einbringen können wollen.

Aber natürlich ist dafür eine fundierte Ausbildung erforderlich, wie sie international auf Hochschulebene erfolgt. Dies in deutschsprachigen Ländern nicht unbedingt gegeben. Hier herrscht vielfach noch die veraltete Vorstellung, dass ein Hochschulstudium für Pflegefachkräfte übertrieben ist, da es sich bei dem Beruf um eine praktische Tätigkeit handele, für die vor allem Mitgefühl erforderlich sei. Diese Sichtweise muss sich ändern.

Im zweiten Teil des Interviews, der am 17.09.20 erschienen ist, geht es um geeignete Maßnahmen von Kliniken gegen den Fachkräftemangel in der Pflege.

Interviewpartnerinnen

 

Prof. Dr. Sabine Hahn; © BFH

Prof. Dr. Sabine Hahn, leitet die Disziplin Pflege und die angewandte Forschung und Entwicklung Pflege der Berner Fachhochschule BFH (CH). Psychosoziale Gesundheit, Qualitätsentwicklung und Fachkräftemangel sind ihre Forschungsgebiete. Kontakt: sabine.hahn@bfh.ch

 

 

Karin A. Peter

Karin A. Peter; © BFH

Dr. Karin A. Peter (MScN, Cand-PhD) ist Leiterin des Innovationsfelds Gesundheitsversorgung, Personalkompetenzen und Personalentwicklung der Pflege an der BFH. Sie forscht zu den Themen Belastung am Arbeitsplatz und betriebliches Gesundheitsmanagement. Kontakt: karin.peter@bfh.ch

Zudem beraten Prof. Dr. Sabine Hahn und Dr. Karin A. Peter Krankenhäuser, wie diese sich attraktiver auf dem Personalmarkt aufstellen können. Interessierte kontaktieren bitte direkt per Mail.

Literaturangaben

  1. Lobsiger, M. and W. Kägi, Analyse der Strukturerhebung und Berechnung von Knappheitsindikatoren zum Gesundheitspersonal (Obsan Dossier 53). 2016, Schweizerisches Gesundheitsobservatorium: Neuchâtel.
  2. Streit, S., et al., One in seven Swiss physicians has left patient care – results from a national cohort study from 1980-2009. Swiss Med Wkly, 2019. 149: p. w20116.
  3. Hämmig, O., Explaining burnout and the intention to leave the profession among health professionals – a cross-sectional study in a hospital setting in Switzerland. BMC Health Service Research, 2018. 18(1): p. 785.
  4. Peter, K.A., et al., Work-related stress among health professionals in Swiss acute care and rehabilitation hospitals-A cross-sectional study. Journal of Clinical Nursing, 2020.
  5. Lee, Y.W., et al., Quality of Work Life, Nurses’ Intention to Leave the Profession, and Nurses Leaving the Profession: A One-Year Prospective Survey. Journal of Nursing Scholarship, 2017. 49(4): p. 438-444.

 

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