Pflegekräfte für sich gewinnen: Interview mit Dr. Lars Holldorf Teil II

Dr. Lars Holldorf © Dr. Holldorf Consult GmbH

Heute erklärt Dr. Lars Holldorf die Vorteile des E-Recruitings. Darüber hinaus spricht er darüber, wie ausländische Arbeitskräfte nicht nur gewonnen, sondern auch gehalten werden können. In Teil I des Interviews hat der Experte für Personalstrategie im Gesundheitswesen bereits berichtet, wie wichtig Mitarbeiter-Bindung ist und was seitens des Arbeitgebers dafür notwendig ist.

Welche Vorteile sehen Sie im E-Recruiting?

Dr. Lars Holldorf: Für alle, die ernsthaft und dauerhaft Personal suchen, weil offene Stellen nachzubesetzen sind, halte ich E-Recruiting für ein absolutes Muss. Ohne den Einsatz elektronischer Medien und Personalsysteme ist es wesentlich schwieriger, für die eigenen Stellenanzeigen ausreichend Reichweite zu bekommen. Das geht zum Beispiel über die beiden derzeit größten Plattformen für Jobsuchende Google for Jobs und Indeed.

Wenn dann Bewerbungen eingehen, ist es mittlerweile immens wichtig, blitzschnell zu reagieren. Und zwar nicht nur einmal, sondern an diversen Stellen im Bewerbungsprozess. Bewerber haben hierzu die Erfahrungen aus dem Online-Shopping als Referenz für den Bewerbungsprozess übernommen. Dort erhält man bekanntlich immer ein Status-Update, wenn es einen kleinen Schritt beim Kauf- und Bestellprozess gibt.

Um in Richtung Bewerber ein rasches Feedback geben zu können, müssen auch die internen Abstimmungsprozesse deutlich beschleunigt werden. Auch dies unterstützt eine gute E-Recruiting-Software perfekt. So fordert sie besipielsweise alle verantwortlichen Mitglieder des Teams auf, ihre Bewertung für ein Kandidaten-Profil abzugeben. Empfehlenswert für eine persönliche Reaktion in Richtung Bewerber sind maximal vier Stunden während eines Arbeitstages und maximal 24 Stunden nach Bewerbungseingang.

Wenn man eine E-Recruiting-Lösung optimal nutzt, kann sie auch noch direkt das Onboarding mit abdecken. Das heißt, die Steuerung der Prozesse, die nach der Einstellung notwendig sind, damit der Mitarbeiter seine Arbeit aufnehmen kann. Dazu gehört zum Beispiel die automatische Bereitstellung von Unterlagen, die früher in der klassischen Willkommensmappe enthalten waren. Nach außen, also gegenüber den Kandidaten, wird man schneller und sympathischer wahrgenommen. Intern spart man vor allem eine Menge kostbarer Arbeitszeit.

Die meisten Lösungen werden heute per Cloud bereitgestellt und sind bereits so günstig, dass sie sich ab dem ersten Monat für das Unternehmen mehr als bezahlt machen.

Wie gelingt es, Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen und langfristig zu binden?

Dr. Lars Holldorf: In puncto Auslandsrekrutierung herrscht in den meisten Kliniken leider immer noch der Irrglaube vor, dass mit dem Arbeitsbeginn einer ausländischen Fachkraft alles erledigt ist. Genau das Gegenteil ist der Fall. Mit dem Arbeitsbeginn fängt die Integrationsarbeit erst richtig an.

Die typische Denkfalle, in die viele Arbeitgeber und Entscheider dabei tappen, ist folgende Erwartung: „So, nun haben wir viel Geld für die Vermittlung an die Agentur bezahlt, jetzt sollen die auch dafür sorgen, dass alles läuft.“ – Leider ist die Agentur mit dem Tag des Arbeitsbeginns meistens raus.

Daher müssen Arbeitgeber unbedingt im eigenen Haus die notwendige Kompetenz für die Rekrutierung, Integration und Bindung ausländischer Mitarbeiter aufbauen. Fortbildungen, wie der Experten-Lehrgang „Professionelle Auslandsrekrutierung im Gesundheitswesen“, tragen dazu bei. Ziel sollte es sein, dass Arbeitgeber bei der Auslandsrekrutierung ihre Abhängigkeit von Beratern und Agenturen abbauen. Mittelfristig können sie sich dadurch auch teure Honorare sparen.

Wichtig zu wissen und zu akzeptieren ist auch, dass Auslandsrekrutierung immer strategisch angegangen werden sollte. Das Prinzip von Versuch und Irrtum beziehungsweise „mal so eben nebenher“ kostet Zeit und Geld. Die meisten aktionistisch durchgeführten Projekte haben eine sehr hohe Verlustquote: Teilweise verlieren Arbeitgeber bis zu 80 Prozent der ausländischen Mitarbeiter innerhalb des ersten Jahres wieder. Um genau das zu verhindern, und um das heimische Team mit ins Boot zu holen, ist es wichtig, eigene Betreuungsressourcen für die Integration des neuen Personals vorzusehen. In den meisten Einrichtungen übernehmen Pflegekräfte diese Aufgabe. Das halte ich aber nicht zwingend für notwendig. Es kann auch jemand sein, der aus dem Projekt- oder Eventmanagement kommt. Denn an dieser Stelle ist vor allem organisatorisches Talent gefragt. Mit seinem Tun, sollten die Verantwortlichen dazu beizutragen, dass sich am Ende alle wohlfühlen – das Team und der neue Mitarbeiter. Zu den Aufgaben eines solchen Projektmanagers gehört es deshalb, zukünftige Mitarbeiter schon vor Arbeitsbeginn zum Beispiel bei Behördengängen oder der Wohnungssuche zu unterstützen und sie mit wichtigen Informationen zu internen Abläufen zu versorgen.

Buchtipp:
In seinem Buch „Gezwungen zu Spitzenleistungen“ fasst Dr. Lars Holldorf viele praxisrelevante Aspekte für eine erfolgreiche Mitarbeitergewinnung und -bindung zusammen. Darüber hinaus hat er mit mehreren Experten, aus dem Gesundheitswesen und anderen Branchen mit starkem Fachkräftemangel, Interviews geführt. Dazu gehört der Pflegedirektor der Uniklinik Münster, Thomas van den Hooven, Ugur Cetinkaya, der 2017 als einer der besten Nachwuchs-Pflegemanager ausgezeichnet wurde. Auch Prof. Dr. Gunther Olesch, einer der renommiertesten Personalmanager Deutschlands, kommt zu Wort. Ihre Erfahrungen zeigen, was sich in der Praxis bewährt hat, aber auch welche Fehler unnötig Zeit, Geld und Nerven kosten.

Zur Person:
Dr. Lars Holldorf ist Experte für Personalstrategie im Gesundheitswesen. Seit 2010 befasst er sich mit der Rekrutierung und dem Onboarding beziehungsweise der Integration ausländischer Ärzte und Pflegekräfte in Deutschland. Denn Rekrutierung ohne langfristige Bindung ist ein Verlustgeschäft. Dazu hat er die Online-Akademie Klinik-Kenner.de ins Leben gerufen. Zusätzlich unterstützt er Arbeitgeber beim Aufbau echter Inhouse-Expertise im Bereich Auslandsrekrutierung. Dazu bietet er Deutschlands ersten Experten-Lehrgang „Professionelle Auslandsrekrutierung im Gesundheitswesen“ an. Informationen hierzu finden Interessierte unter: www.drholldorf.de/auslandsrekrutierung

Quelle:
cp/KWM
Bildquelle: © Rawpixl.com/ Adobe.Stock.com und Dr. Holldorf Consult GmbH

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