RKU: Verbesserungen durch die Pflege

©Thieme & Frohberg GmbH

Die RKU – Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm gGmbH streben die Zertifizierung zum Magnet-Krankenhaus an. Helene Maucher, Pflegedirektorin der RKU, hat im ersten Teil unseres Interviews berichtet, dass durch die bereits umgesetzten Maßnahmen ein dynamisches, innovatives Klima entstanden ist. Darüber möchten wir mehr erfahren!

Sie haben in den RKU das „Projektmodell Pflege“ zur Ideenförderung eingeführt. Wie funktioniert das?

Mit dem „Projektmodell Pflege“ ermutigen wir alle Pflegenden, Verbesserungsvorschläge zu machen und umzusetzen – insbesondere die Mitarbeiter an der Basis. Entsprechende Maßnahmen werden doppelt honoriert: Für jedes abgeschlossene Projekt gibt es einen Bonus und die Vorstellung auf der Bühne am jährlich stattfindenden Projekttag „Pflege“. In Abstimmung mit der Personalabteilung haben wir damit die Grundlage für die Entwicklung eines Innovationsmanagements geschaffen.

Dabei wird auch das Potential einer Führungskultur im Sinne von Shared Governance (geteilter Verantwortung) deutlich. Entsprechend dem Motto „Jeder hat eine Stimme und kann sich beteiligen“ kommen die Projektideen von Mitarbeitern aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Sie stammen beispielsweise von Pflegenden in der direkten Patientenversorgung oder entstehen als Arbeiten im Rahmen eines berufsbegleitenden Studiums. Auch Experten, wie Atmungstherapeuten, Wundmanager oder spezialisierte Teams, haben bereits innovative Ideen generiert und umgesetzt.

Welcher Art sind die daraus entstehenden Projekte?

Es handelt sich um ganz unterschiedliche Ansätze. Die meisten bewirken Verbesserungen in der Patientenversorgung. Zum Beispiel:

  • Schon im ersten Quartal nach Einführung des Konzepts konnte die Zahl der Infektionen durch zentrale Venenkathether (ZVK) reduziert werden.
  • Auf einer Station wurde die Sturzrate gesenkt.
  • Eine Risikoampel gibt nun Hinweise auf das jeweils passende Setting, bevor Patienten in die Rehabilitationseinrichtungen verlegt werden.
  • Ausländische Pflegende werden durch ein neues erfolgreiches Integrationsmodell gefördert.

Auch die „ Ulmer Pflegebrücke“ für Patienten mit komplexen Krankheitssituationen ist durch das „Projektmodell Pflege“ entstanden. Dabei unterstützen Pflegende der RKU die Patienten nach ihrer Entlassung im Rahmen von präventiven Hausbesuchen. Der dafür gegründete Verein ist auch in Covid-Zeiten tätig – telefonisch und über digitale Medien.

Zusätzlich entwickeln Pflegende an der Basis immer wieder kleinere Projekte, die eine positive Dynamik in die Klinik bringen. Aktuell leiten beispielsweise Pflegeschüler eine Station im Querschnittgelähmten-Zentrum und lernen dabei viel von den Pflegeexperten. Das wäre vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen.

Insgesamt fördert das „Projektmodell Pflege“ die Kultur der kontinuierlichen Verbesserung in den RKU. Gleichzeitig wird auf diese Weise die Innovationskraft der Pflegenden offenbar. Aufgrund des Erfolges wurde das Projekt inzwischen auch auf andere Berufsgruppen übertragen, u.a. auf die Physiotherapie im RKU.

Wie verbinden Sie Wissenschaft und Praxis?

Wir haben in den letzten Jahren den Bereich „Pflegewissenschaft und Pflegeforschung“ etabliert. Er ist für die Umsetzung der Strategie in die tägliche Praxis zuständig. Dabei geht es auch um die Etablierung von Qualitätscockpits in den Klinikalltag sowie um die Entwicklung weiterer Qualitätsindikatoren, beispielsweise die Erfassung von Lebensqualität und Selbstständigkeit der Patienten.

Ein weiterer wichtiger Aufgabenbereich ist die Pflegeforschung. Inzwischen wurden bereits mehrere Forschungsanträge gestellt und erste Forschungsprojekte initiiert (z.B. NeuroRehaBot – Einsatz und Prozessaufbau von Robotik in der Neurologischen Frührehabilitation). Die Forschungsfragen ergeben sich aus der Praxis und aus den aktuellen Entwicklungen mit den Möglichkeiten der Digitalisierung. Auch haben wir einen Journal Club etabliert, durch den Pflegende an Forschung herangeführt werden. Sie lernen, Forschungsergebnisse zu interpretieren und Transferideen zu entwickeln. Zusätzlich werden Pflegestudenten in der Praxis bei Projektarbeiten begleitet oder erhalten spezielle Fragestellungen zur Bearbeitung.

Außerdem begleitet die Abteilung „Pflegewissenschaft und Pflegeforschung“ das „Projektmodell Pflege“, richtet den Projekttag aus und unterstützt den Austausch über Best-Practice-Projekte sowie deren Implementierung.

Damit erfüllen wir auch die Vorgaben für die Magnetkraft  „Neues Wissen, Innovationen und Verbesserungen“: eine forschungsbasierte Pflegepraxis in den RKU, die neben den Aktivitäten rund um das Qualitätsmanagement auch relevante Forschungsthemen aus der Praxis erfasst und evidenzbasiertes Wissen in die Praxis integriert.

In Deutschland gibt es kein Magnetkrankenhaus, an dem Sie sich orientieren können. Mit wem tauschen Sie sich im Inland aus?

Seit 2015 finden alle zwei Jahre Kongresse zur Exzellenzentwicklung in der Pflege mit dem Motto „Von den Besten lernen“ an den RKU – Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm statt. Sie dienen als wichtige Plattform für die Entwicklung von Visionen und für den kreativen Austausch, z. B. mit anderen deutschen Kliniken und auch mit Franz Wagner (Präsident Deutscher Pflegerat e.V.).

Auch gibt es in Deutschland immer mehr Verbündete zum Thema Magnetkrankenhaus. Daher haben Hospitationen und Workshops am RKU stattgefunden. Zudem gab es 2019 eine vom RKU organsierte Hospitation in zwei amerikanischen Magnet® Hospitals, an der über 30 Teilnehmer aus Deutschland teilnahmen – Pflegedirektoren, Pflegeexperten, Pflegeprofessoren sowie Studenten.

Nicht zuletzt profitiert das RKU durch die Sana-Kliniken AG mit der Unternehmensstrategie Pflege von dem kollektiven Wissen aus 60 Kliniken – sei es in Bezug auf „Best Practice“, innovative Ansätze oder die Generierung von Benchmark-Daten.

Haben Sie auch internationale Kontakte, die Sie regelmäßig nutzen?

An den Kongressen nehmen jeweils auch Kollegen aus einem amerikanischen Magnet® Hospital teil. Diese sind positive Unterstützer für unseren Entwicklungsprozess und Ideengeber für die konkrete Umsetzung. Dabei entsteht auch ein kreativer Austausch zwischen den Berufsgruppen. So berichtete im letzten Jahr ein Arzt aus einem Magnet® Hospital, der vor Jahren noch in unserer Klinik gearbeitet hatte, über den besonderen Gewinn, den das Magnet®-Konzept auch für Ärzte bringt. Schließlich sind unsere Kontakte in die USA so gut, dass auch ganz schnell mal ein Austausch über digitale Medien stattfindet.

Wir sind auch schon seit Jahren im Dialog mit den Kollegen aus dem UZA Antwerpen, die ebenfalls fest in die Ulmer Pflegemanagement-Kongresse integriert sind. Zudem gibt es aktuell einen internationalen Austausch mit weiteren Magnetkrankenhäusern. So bietet die Teilnahme am Projekt Magnet4Europe eine große Chance der Vernetzung. Daran beteiligen sich 60 Krankenhäuser aus fünf europäischen Ländern: aus Belgien, Deutschland, Großbritannien, Irland und Schweden. Durch ein Magnet® Hospital in den USA als Twinning-Partner wird es auch möglich sein, an Arbeitsgruppen teilzunehmen und Benchmark-Daten zu erhalten.

Würden Sie für uns eine kurze Zwischenbilanz der RKU-Entwicklung zum Magnetkrankenhaus ziehen?

Insgesamt kann gesagt werden: Der Weg zum Magnetkrankenhaus ist kein gemütlicher Spaziergang. Er ist vielmehr manchmal sehr steinig, anstrengend und herausfordernd für alle Beteiligten. Um eine derartige Entwicklung umzusetzen, brauchen Sie umfangreiche Unterstützung – vom Team, von der Leitung und vor allem auch von der Geschäftsführung.

Es gilt, alle Mitarbeiter zu involvieren, insbesondere die Pflegenden, die an der Basis direkt mit den Patienten arbeiten. Damit das gelingt, müssen die Führungskräfte die richtigen Bedingungen schaffen und gute Lösungen entwickeln.

Dennoch ist es auch vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen alternativlos. Um auch künftig eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung in Deutschland zu gewähren, gibt es Handlungsbedarf. Und wir sind auf dem richtigen Weg. Auch jetzt, während der Covid-19-Pandemie, zeigt sich: Die Pflege im RKU entwickelt mit den interdisziplinären Berufsgruppen bestmögliche Lösungen und setzt erforderliche Maßnahmen mit einer besonderen Agilität und großer Reflexionsfähigkeit um.

Unsere Reise zum Magnetkrankenhaus geht also weiter. Es gibt noch viel zu tun, und gleichzeitig sind bereits bearbeitete Bereiche immer wieder nachzuhalten. Wir haben zwar den Zertifizierungstermin nach hinten verschoben, sind uns aber sicher: Der Weg ist bereits das Ziel.

Im ersten Teil des Interviews mit Helene Maucher erfahren Sie, welche weiteren Magnet®-Maßnahmen im RKU bereits umgesetzt wurden.

Der nächste Kongress mit dem Thema „Exzellenzentwicklung in der Pflege“ ist für Juli 2021 geplant.

Helene Maucher, Pflegedirektorin der RKU, treibt die Entwicklung zum Magnetkrankenhaus voran

© RKU

Helene Maucher, MSc., ist seit 2013 Pflegedirektorin der RKU – Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm gGmbH sowie seit 2020 Bereichsleitung Unternehmensstrategie Pflege der Sana Kliniken AG. Nach der Hospitation in der Universitätsklinik UF Health in Jacksonville, Florida, als Stipendiatin der Robert Bosch Stiftung hat sie die Vision des Magnetkrankenhauses auf die RKU übertragen. 2018 wurde sie vom Bundesverband Pflegemanagement und Springer Pflege als Pflegemanagerin des Jahres ausgezeichnet.

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