Sorgloser Umgang mit Schlafmitteln in der Klinik? Expertin sieht Fortbildungsbedarf

Patienten mit Schlafstörungen erhalten im Krankenhaus häufig Medikamente aus den umstrittenen Wirkstoffgruppen der Benzodiazepine und der sogenannten Z-Substanzen. Einer Umfrage zufolge wäre das Pflegepersonal häufiger bereit, die Mittel einzusetzen als Ärzte. Lediglich 30 Prozent der Schwestern und Pfleger sehen den Einsatz der Medikamente kritisch.

Benzodiazepine wie Diazepam, besser bekannt unter dem Markennamen Valium, können Stürze und Unfälle verursachen und das Denken beeinträchtigen. Bei längerer Einnahme kann es zur Abhängigkeit kommen. Für ältere Menschen mit Begleiterkrankungen wie Demenz, Atemstörungen oder einer Neigung zur Substanzabhängigkeit sind sie nicht geeignet. Sowohl Benzodiazepine als auch die sogenannten Z-Substanzen Zolpidem und Zopiclon stehen deshalb auf der PRISCUS-Liste.

Schlafmittel in Kliniken

Bedenken hinsichtlich der genannten negativen Nebenwirkungen teilt das Klinikpersonal häufig nicht, stellt Vivien Weiß vom Institut für Allgemeinmedizin an der Universität Göttingen in der Fachzeitschrift „DMW“ fest. Nach Meinung der Wissenschaftlerin bergen Krankenhausaufenthalte damit das potentielle Risiko für den erstmaligen Einsatz von Benzodiazepinen und Z-Substanzen und damit der Einstieg in die gefährliche Langzeiteinnahme. Die Forscherin hat deshalb Ärzte und Pflegepersonal einer Fachklinik für Alterskrankheiten dazu befragt, wie sie die Schlafmittel und deren Einsatz einschätzen.

Laxe Risikoeinschätzung ist beunruhigend

Mit 57 Prozent glaubten mehr als die Hälfte der Pflegekräfte, dass bei Schlafstörungen häufig oder immer Benzodiazepine eingesetzt werden. Bei den Z-Substanzen lag der Anteil sogar bei 66 Prozent. Dagegen schätzten nur 29 Prozent der Ärzte, dass Benzodiazepine und Z-Substanzen häufig verwendet werden. Knapp die Hälfte war der Ansicht, dass Benzodiazepine eher schaden als nützen. Diese Meinung teilten unter den Pflegenden nur knapp 30 Prozent. Insgesamt beurteilten beide Berufsgruppen die Wirkung der Z-Substanzen positiver. Auch wenn 29 Prozent der Ärzte und rund 18 Prozent der Pflegekräfte erklärten, dass der Schaden auch bei ihrem Einsatz überwiege. Insbesondere auf nicht-chirurgischen Stationen sowie bei Ärzten und Pflegekräften mit einer Berufserfahrung unter fünf Jahren sei die Einstellung zu den Schlafmitteln unkritisch, berichtet Vivien Weiß.

Fortbildungsbedarf bei Pflegepersonal und jungen Ärzten

Die Forscherin konnte nicht prüfen, wie häufig die Schlafmittel in Kliniken tatsächlich verordnet wurden. Da es sich um verschreibungspflichtige Medikamente handelt, darf das Pflegepersonal sie nicht eigenmächtig verordnen. Die Abgabe der Mittel erfolgt jedoch in aller Regel durch das Pflegepersonal. Da Krankenschwestern und -pfleger deutlich mehr Zeit mit den Patienten verbringen und oft der erste Ansprechpartner sind, dürften sie einen Einfluss auf das Verordnungsverhalten der Ärzte haben, nimmt Vivien Weiß an. Sie sieht deshalb insbesondere beim Pflegepersonal, aber auch bei Ärzten mit geringer Berufserfahrung einen Fortbildungsbedarf.

Angesichts der Ergebnisse trifft das Motto „Gemeinsam Medikationsfehler vermeiden“, unter dem der 2. Internationale Tag der Patientensicherheit (wir berichteten) im September steht, ins Schwarze.

[contentbox headline=“PRISCUS Liste“ type=“gray“]Die vollständige PRISCUS Liste potenziell inadäquater Medikationen für ältere Menschen, finden Sie hier im PDF-Format (Stand 01.02.2011).[/contentbox]

Quelle:
V. Weiß, S. Heinemann, W. Himmel, R. Nau, E. Hummers-Pradier:
Benzodiazepine und Z-Substanzen als Schlaf- und Beruhigungsmittel in einem Krankenhaus Anwendung aus der Sicht des ärztlichen und pflegerischen Personals
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2016; 141 (13); e121–e126

cp/KWM

Ein Gedanke zu „Sorgloser Umgang mit Schlafmitteln in der Klinik? Expertin sieht Fortbildungsbedarf

  1. Delaria Antworten

    Ich finde auch, dass Benzos viel zu schnell verschrieben werden. Ist nicht lange her, da habe ich nur gesagt ich schlafe nicht gut und sofort wurde mir Lexotanil verschrieben.

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