Top oder Flop? Wie viel Potenzial steckt wirklich in der Digitalisierung?

Der Start in das klinikweite Wissensmanagement erfolgt hierzulande meistens über ein Digitalisierungsprojekt: Die Einführung eines Krankenhausinformationssystems (KIS), elektronischer Patientenakten oder Unified Communications gehören zu den Klassikern. Auch die Telematikinfrastruktur, E-Health-Anwendungen oder virtuelle Sprechstunden zählen zu den „üblichen Verdächtigen“ im Klinikumfeld. Eines haben dabei fast alle Vorhaben gemein: Sie setzen nur punktuell an – und wirken dementsprechend auch nur in einem sehr begrenzten Rahmen. Die tatsächliche Nutzung bleibt also weit hinter ihrem Potenzial zurück – mit fatalen Folgen! Insgesamt 42 Milliarden Euro stehen zur Disposition.

Von 34 auf 43 Milliarden – ein Plus von 24 Prozent in nur vier Jahren

Es ist erst vier Jahre her, dass die Beratungsgesellschaft McKinsey zusammen mit dem Bundesverband Managed Care e.V. (BMC) das Nutzungspotenzial von Digitalisierungsvorhaben im Health Sector erstmals konkret beziffert hat. Anhand von 26 möglichen – und tatsächlich auch am Markt verfügbaren – digitalen Gesundheitstechnologien bezifferten die Digitalisierungsexperten das Nutzungspotenzial damals auf 34 Milliarden Euro. Und zwar pro Jahr.

In der letzten 48 Monaten ist viel passiert: Vor allem die Corona-Pandemie hat die Bedeutung von Wissensmanagement, Digitalisierung und intelligenter Vernetzung überdeutlich gemacht – und das Nutzungspotenzial sogar auf 42 Milliarden Euro steigen lassen. Das ist ein Plus von 24 Prozent!

Eine Umsetzungsquote von drei Prozent

Digitalisierung ist im Gesundheitswesen also wichtiger als je zuvor. Doch in der Realisierung entsprechender Vorhaben schlägt sich das bisher kaum nieder. Denn passiert ist in den vergangenen Jahren fast nichts: Lediglich 1,4 Milliarden – also ca. 3 Prozent des Nutzungspotenzials – wurden realisiert. Und die übrigen 97 Prozent? Sie liegen weiterhin brach.

Produktivitätssteigerungen wirken sich überproportional stark aus

Dabei müssen Kliniken & Co. gar nicht alle 26 Technologien umsetzen, um das Gros des Nutzungspotenzials zu erschließen: Schon fünf reichen aus, um mehr als 22 Milliarden Euro – und damit über die Hälfte der berechneten 42 Milliarden Euro – zu erschließen. Spitzenreiter ist dabei mit sieben Milliarden die elektronische Patientenakte. Auch Tele- bzw. E-Konsultationen und die Fernüberwachung chronisch Kranker rangieren weit vorne, ebenso die mobile Vernetzung des Pflegepersonals, digitale Terminvereinbarungen und die Steuerung von Patientenströmen spielen eine wichtige Rolle. Sie tragen nämlich maßgeblich zur Produktivitätssteigerung bei – weil einfache bzw. wiederkehrende und/oder sehr aufwändige Arbeitsprozesse (teil-)automatisiert werden. Wie wichtig diese Aspekte sind, zeigt eine weitere markante Zahl: Fast zwei Drittel (61 Prozent) des Nutzungspotenzials ergeben sich in Folge von Produktivitätssteigerungen. Die übrigen 39 Prozent sind in der Reduzierung des medizinischen Bedarfs begründet.

Handlungsbedarf bei Online-Interaktionen, papierlosen Prozessen und Patienten-Self-Services

Wer jetzt aktiv werden will, dem stellt sich allerdings die Frage, wo er am besten beginnen soll. Das Mittel der Wahl in einem solchen Fall ist sicherlich eine Reifegradanalyse. Sie legt den Finger in die Wunde und identifiziert zielgerichtet die Bereiche und Prozesse mit dem dringendsten Handlungsbedarf und dem höchsten Nutzenpotenzial – jeweils individuell entsprechend der eigenen organisatorischen Gegebenheiten und Rahmenbedingungen.

Doch auch ohne Reifegradanalyse geben McKinsey und BMC eine Marschroute vor, an der sich der Digitalisierungsfahrplan von Krankenhäusern orientieren kann. Demnach sollten sich Kliniken vor allem um vermehrte Online-Interaktionen kümmern – und zwar sowohl innerhalb der Organisation als auch nach außen. Hierunter fallen beispielsweise Initiativen wie die Einführung von Unified Communications und Collaboration (UCC) oder Online-Terminbuchungslösungen. Ein zweites wichtiges Betätigungsfeld ist die Umstellung auf papierlose Prozesse, wie die elektronische Patientenakte, aber auch elektronische Rechnungs- und Posteingangs-Workflows. Ein dritter wichtiger Punkt sind Patienten-Self-Services. Dieser Bereich reicht von der Nutzung der eigenen mobilen Endgeräte im Sinne von Bring-Your-Own-Device (BYOD) über die eigenständige Menübuchung bis hin zur smarten Raumsteuerung per Knopfdruck oder sogar per Stimme.

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