Urlaubslektüre mit Klinikbezug Teil 2: Mediziner der Charité in neuem Licht

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Adolphe Jung und Ferdinand Sauerbruch: Beide waren als Chirurgen an der Charité tätig und arbeiteten dort gemeinsam in den Jahren des Zweiten Weltkriegs. Ferdinand Sauerbruch ist in seiner Rolle als Arzt in der Zeit des Nationalsozialismus bis heute umstritten. 1942 kam Adolphe Jung als sein Privatassistent nach Berlin. Zu beiden Medizinern ist Anfang dieses Jahres jeweils ein Buch erschienen. Jedes schildert auf seine Weise ihre Beziehung zueinander, die Kriegsjahre an der Charité und das Arztsein im Nationalsozialismus.

Ferdinand Sauerbruch und seine Rolle im Nationalsozialismus

Ungeachtet seiner medizinischen Verdienste zählt Ferdinand Sauerbruch zu den umstrittensten Ärzten der Zeitgeschichte. In den Jahrzehnten nach dem Krieg als „Halbgott in Weiß“ verehrt, folgt zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine kritische Auseinandersetzung mit seinem Verhalten in der Zeit des Nationalsozialismus. Wie eng war seine Beziehung zu den Machthabern wirklich?

Autor Christian Hardinghaus hat für sein Buch „Ferdinand Sauerbruch und die Charité“ neue unveröffentlichte Quellen erschlossen – darunter das bisher geheime Tagebuch von Sauerbruchs Assistenten Adolphe Jung – und zahlreiche Berichte, Briefe, Interviews und persönliche Erinnerungen von Mitarbeitern und Freunden studiert. Herausgekommen ist dabei nicht nur die erste umfassende Biografie des bedeutenden Chirurgen, sondern auch seine Rehabilitation.

Christian Hardinghaus:
Ferdinand Sauerbruch und die Charité
Operationen gegen Hitler
Europa Verlag; 2019

 

 

 

Aufzeichnungen eines Zwangsversetzten

Adolphe Jung arbeitete 1940 als Arzt und Hochschullehrer in der Straßburger Universitätsklinik und verfolgte die Annexion des Elsass mit Sorge. Infolgedessen weigerte er sich unter anderem der NSDAP beizutreten. Von seinen Ämtern an der Universität trat er zurück. 1942 erhielt er auf polizeiliche Anordnung hin eine Notdienstverpflichtung, weil Chirurgen in Kriegszeiten händeringend gesucht wurden. Daraufhin wurde er an verschiedenen Orten im Deutschen Reich eingesetzt. Seine Ehefrau und seine zwei Söhne wurden indes im Elsass als Geiseln gehalten, um seinen Widerstand zu brechen. Auf die Initiative Ferdinand Sauerbruchs kommt er noch im gleichen Jahr an die Charité. Als Sauerbruchs Privatassistent behandelte er vor allem dessen Privatpatienten.

Aus unmittelbarem Erleben berichtet Jung vom schweren und gefährlichen Arbeitsalltag während des Bombenkriegs und dem Kampf um Berlin im Frühjahr 1945. In Berlin lernt der präzise Beobachter ebenso NS-Prominente kennen wie Angehörige der Opposition. Obwohl er selbst gefährdet ist, unterstützt er den Widerstand. Er operiert bis zur Erschöpfung und nimmt Anteil am Schicksal von Kollegen, Patienten und den wenigen Berliner Vertrauten. Die Aufzeichnungen Adolphe Jungs bieten einen faszinierenden Einblick in die Lebenswelt eines elsässischen Chirurgen während des Zweiten Weltkriegs.

Herausgeber des Buches sind Medizinhistoriker aus Berlin und Straßburg: Susanne Michl ist Juniorprofessorin für Medical Humanities und Medizinethik an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Thomas Beddies ist stellvertretender Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Christian Bonah ist Professor for History of Science an der Université de Strasbourg.

Susanne Michl, Thomas Beddies, Christian Bonah (Hg.)
Zwangsversetzt – Vom Elsass an die Berliner Charité
Die Aufzeichnungen des Chirurgen Adolphe Jung 1940 – 1945
Schwabe Verlag, 2019

 

 

 

cp/KWM
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