Virale Infektionen: Bedenkliche Wissenslücken und Sorglosigkeit unter Pflegenden

Pflegekräfte melden nadelstichverletzungen häufig nicht © Ralph Portenhauser – Thieme Verlagsgruppe

© Ralph Portenhauser – Thieme Verlagsgruppe

Ärzte und Pflegepersonal können sich im Umgang mit Patienten mit Krankheiten infizieren oder umgekehrt an sie weitergeben. Zur eigenen Sicherheit und der der Patienten ist es daher wichtig, dass die vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen eingehalten, Infektionsrisiken richtig eingeschätzt und Impfungen wahrgenommen werden. Einer Umfrage unter Pflegenden zufolge ist das Wissen über arbeitsbedingte Infektionen jedoch lückenhaft und die Meldepflicht von Nadelstichverletzungen wird bagatellisiert. Entsprechende Schulungs- und Trainingsmaßnahmen sind daher empfehlenswert.

Im Rahmen der Veranstaltung „Fortbildung für Pflegende 2015“ befragten Wissenschaftler des Universitätsklinikums Frankfurt und der B. Braun-Stiftung die Teilnehmer: „Wie schätzen Sie das Risiko ein, sich im Rahmen ihrer Arbeit mit einer Infektionskrankheit wie Hepatitis oder HIV anzustecken?“ lautete eine der Fragen. Darüber hinaus gaben die Probanden Auskunft über ihren Impfstatus und legten ihr Wissen beispielsweise in Bezug auf eine HIV-Postexpositionsprophylaxe (PEP), also Notfallsofortmaßnahmen um eine mögliche Infektion zu verhindern, dar.

Da lediglich 261 Fragebögen ausgewertet werden konnten, sind die Ergebnisse der Befragung nicht als repräsentativ einzustufen, so die Autoren. Sie geben jedoch wichtige Hinweise darauf, welchen Stellenwert das Wissen über virale Infektionen in der Pflegeausbildung hat und wie im Berufsalltag mit potenziellen Gefahren umgegangen wird.

Die wichtigsten Ergebnisse auf einen Blick:

 

  • 25 Prozent gaben an, in ihrer Ausbildung bezüglich der Vermeidung von arbeitsbedingten Infektionen nicht ausreichend geschult worden zu sein.
  • Rund 90 Prozent waren gegen Hepatitis B geimpft, allerdings kannte nur jede Dritte seinen aktuellen Anti-HBs-Titer und war damit über seinen aktuellen Impfschutz informiert.
  • Rund 35 Prozent (darunter die meisten noch in der Ausbildung) gaben an, gegen Hepatitis C geimpft zu sein, obwohl es eine solche Impfung gar nicht gibt.
  • 60 Prozent schätzen ihr Risiko, sich im Berufsumfeld zu infizieren, „ziemlich groß“ bis „sehr groß“ ein.
  • Das statistische Risiko sich (ohne geimpft zu sein) durch eine Nadelstichverletzung (NSV) bei einem Patienten mit Hepatitis B anzustecken, schätzten 40 Prozent korrekt ein.
  • Das Ansteckungsrisiko bei Hepatitis C überschätzten hingegen rund 87 Prozent der Befragten, bei HIV waren es 75 Prozent.
  • Das Prozedere einer PEP nach einer möglichen HIV-Infektion war gut der Hälfte der Befragten nicht bekannt.
  • 62 Prozent gaben darüber hinaus an, sich nicht ausreichend geschult zu fühlen, um mit Patienten umgehen zu können, die unter einer seltenen und hochansteckenden Krankheit wie zum Beispiel Ebola leiden.
  • Rund 47 Prozent der Befragten hatten ihre letzte NSV nicht beim Durchgangsarzt gemeldet.
  • Den Verzicht auf die Meldung begründete fast ein Drittel der Befragten damit, dass ihnen das Meldeverfahren nicht bekannt sei.
  • Etwa 27 Prozent gaben an, die Meldung unterlassen zu haben, weil „der Patient nicht infektiös schien“.

Die Autoren sehen daher Verbesserungsbedarf in den folgenden Bereichen:

 

  1. Infektionsrisiken, Basishygienemaßnahmen sowie den Umgang mit Nadelstichverletzungen und Sofortmaßnahmen nach einer möglichen Infektion mit Hepatitis oder HIV müssen einen höheren Stellenwert in Ausbildung erhalten beziehungsweise Teil kontinuierlicher Schulungen im Laufe des Berufslebens sein.
  2. Arbeitsmedizinische Impfungen sollten regelmäßig und konsequent angeboten werden.
  3. Jeder medizinische Beschäftigte sollte seinen Immunstatus kennen, um zu wissen, ob relevante Impfungen erfolgreich durchgeführt wurden.
  4. Das Melden von Arbeitsunfällen, zu denen Nadelstichverletzungen zählen, sollte für das medizinische Personal selbstverständlich und das Verfahren bekannt sein.

Fehlt es an notwendigem Wissen, steigt das Übertragungsrisiko von Erkrankungen für die Mitarbeiter und die Patienten gleichermaßen. Klinikverantwortliche sind also gut beraten, sich darüber zu informieren, auf welchem Stand das Wissen in ihrem Haus ist, ob Schutzmaßnahmen routinemäßig und korrekt angewendet werden und Meldeverfahren hinreichend bekannt sind.

Die Ergebnisse der Umfrage wurden Anfang Oktober im Rahmen der diesjährigen „Fortbildung für Pflegende“ in Kassel präsentiert und in der Fachzeitschrift „Das Gesundheitswesen“ veröffentlicht.

Quellen:
S. Wicker et. al:
Arbeitsbedingte virale Infektionen in der Pflege – eine Umfrage
Das Gesundheitswesen 2016, eFirst 12.09.2016
DOI: 10.1055/s-0042-116317

Untersuchung zeigt: Jede zweite Pflegekraft erleidet eine Nadelstichverletzung, Pressemitteilung der Geschäftsführung der B. Braun Stiftung vom 13.10.2016

cp/KWM
Bildquelle: © Ralph Portenhauser – Thieme Verlagsgruppe

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