Wissensmanagements gestern & heute: Von der IT zum Menschen

Medizinisches Wissensmanagement gestern und heute

©Thieme & Frohberg GmbH

Gemeinhin gelten die 1980er-Jahre als Geburtsstunde des Wissensmanagements. Schwerfällige Dokumentenmanagement-Lösungen und gut gemeinte, aber wenig genutzte „Gelbe Seiten“ schafften es in den folgenden Jahren zu einem zweifelhaften Ruhm, der selbst ambitionierten Wissensmanagement-Vorhaben auch heute noch vorauseilt. Was aber die wenigsten wissen: Schon in den 1970er-Jahren gab es ein Vorreiter-Projekt, das nach wie vor als wegweisend gilt. Dieses Leuchtturm-Projekt entstand im medizinischen Bereich und wirkt bis in 21. Jahrhundert nach – und zwar durchweg positiv.

1972 – die Geburtsstunde des medizinischen Wissensmanagements

Elektronische Patientenakten, Krankenhausinformations-Systeme oder digitales Entlassmanagement? Von derartigen Ansätzen war man 1972 noch weit entfernt. Erst neun Jahre später stellte IBM den ersten PC vor. Und die Erfindung des Internets sollte sogar noch 17 Jahre auf sich warten lassen. Nichtsdestotrotz entwickelten Forscher an der Stanford University mit MYCIN eines der – bis heute – bekanntesten medizinischen Expertensysteme. Auf Basis von 450 Regeln ließen sich bakterielle Infektionskrankheiten diagnostizieren und datenbasierte Handlungsempfehlungen ableiten. Die Trefferquote lag dabei erstaunlich hoch. So hoch sogar, dass MYCIN bis heute als wichtiger Meilenstein gilt. Allerdings in der Informatik.

Grund dafür war das fehlende Vertrauen der Mediziner in die „Kompetenz“ von IT-Lösungen. Die Folge: MYCIN wurde in der Praxis kaum verwendet und blieb dadurch weit hinter seinen eigentlichen Möglichkeiten zurück. Andere Branchen hingegen erkannten das enorme Potenzial, sodass der medizinische Fokus aufgelöst wurde. Stattdessen entdeckte unter anderem die Automobilbranche den Ansatz für sich.

Implementierte IT-Lösungen sind noch kein Wissensmanagement

In den 1980er und 1990er-Jahren erlebte das Wissensmanagement seinen ersten Höhepunkt. Der Fokus lag auf mächtigen – und kostspieligen – IT-Lösungen. Datenbanken und Yellow Pages sollten Wissen sammeln und bereitstellen. Doch die Entwicklung lief an den Bedürfnissen der Mitarbeiter vorbei. In der Folge wurden die teuren Systeme nicht ausreichend genutzt. Dabei handelte es sich allerdings um ein branchenübergreifendes Phänomen. Im Gesundheitswesen kamen Aspekte wie Datenschutz und Patientensicherheit erschwerend hinzu. Zudem lassen sich solche wuchtigen Systeme wie in den 1990ern vor allem im eng getakteten Krankenhausalltag nicht „nebenbei“ pflegen. Hinzu kamen Fragen nach dem praktischen Mehrwert. Klinikmitarbeiter stellen schnell die Aufwand-Nutzen-Frage. Was bringt mir die Lösung für Erleichterungen? Und inwiefern profitieren die Patienten? Auch an solchen Überlegungen scheiterten die Vorhaben.

Der Mensch rückt in den Fokus

Mit dem Platzen der Dotcom-Blase im Frühjahr 2020 lag nicht nur die aufstrebende New Economy am Boden, sondern auch das Wissensmanagement. Schließlich fußte es bis dahin auf dem – künstlich am Leben erhaltenen – Technologie- und Internet-Hype. Jetzt galt es, ein Umdenken einzuleiten. Weg von der IT und hin zu einem menschen- bzw. mitarbeiterzentrierten Fokus. Dieser Paradigmenwechsel hat sich bewährt und fällt auch in der Kliniklandschaft zunehmend auf fruchtbaren Boden. Die Skepsis aus den früheren Jahrzehnten weicht mehr und mehr der Akzeptanz. Auch weil konkrete Mehrwerte sichtbar werden. Damit Wissensmanagement-Lösungen insbesondere im Gesundheitsweisen zu erfolgreichen und nachhaltigen Projektumsetzungen avancieren, muss am Anfang daher stets die Frage stehen: Welche Verbesserungen soll Wissensmanagement mit sich bringen? Wo drückt der Schuh in den tagtäglichen Krankenhausprozessen am meisten? Und wie lässt sich Abhilfe schaffen? Wenn die Mitarbeiter durch moderne Wissensmanagement-Lösungen beispielsweise bei ihren zeitaufwendigen Dokumentationspflichten entlastet werden, ist die Akzeptanz von vornherein groß. Anschließend gilt es noch, dieses Versprechen auch tatsächlich einzuhalten.

nl/KWM

> Lesen Sie hier den Beitrag: Erste Schritte hin zum Wissensmanagement

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar