Zwischen Wissen und Nicht-Wissen: Das immaterielle Krankenhauswissen auf dem Prüfstand

Implizites Wissen © Coloures-Pic/ Adobe.Stock.com

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Es ist das Fachwissen, das gute und sehr gute Mediziner auszeichnet. Aber haben Sie gewusst, dass dieses explizite Wissen nur zehn Prozent des wettbewerbskritischen Know-Hows ausmacht? Der „Rest“ – die überwiegende Mehrheit – sind Erfahrungen, also implizites Wissen. Es ist personengebunden, kaum zu dokumentieren und bleibt daher oft im Verborgenen.

Implizites Wissen ist unsichtbar

Explizites Wissen ist nur die Spitze des Eisbergs. Diese Formulierung geht auf den japanischen Wissensmanager Ikujiro Nonaka zurück. Angelehnt an Eisberge, die aufgrund ihrer Dichte und der Dichte des sie umgebenden Salzwassers zu 90 Prozent unsichtbar unter der Meeresoberfläche schwimmen und nur zu 10 Prozent darüber sichtbar werden, machte er auf die Bedeutung des sogenannten „Tacit Knowledge“ aufmerksam. Tacit Knowledge – also stilles Wissen – steht für die Erfahrungen und das Beziehungswissen, das sich wie Lebensadern durch jede Organisation zieht. Dieses unsichtbare Geflecht ist es, das Informationsströme bedingt und Kontakten zugrunde liegt, die oft unbemerkt ausschlaggebend für Qualität und Erfolg sind.

Wenn Sie wüssten, was Ihre Organisation alles weiß …

Wissen ist gerade im Klinikumfeld also nicht nur das medizinische Know-How. Das wird unter anderem auch deutlich daran, dass deutschlandweit zwar über eine Million Menschen in Krankenhäusern beschäftigt sind, doch nicht einmal 200.000 von ihnen sind Ärzte. Über welches Wissen verfügen all die anderen Mitarbeiter? Welcher Teil davon ist wettbewerbskritisch? Und was würde passieren, wenn es den Organisationen von heute auf morgen nicht mehr zur Verfügung stehen würde?

Kliniken sind mit dieser Frage nicht allein. Bereits 1995 formulierte der damalige Siemens-Chef Heinrich von Pierer die Bedeutung von Wissen für Organisationen in einem viel beachteten Statement. Er sagte damals: „Wenn Siemens wüsste, was Siemens weiß, dann wären unsere Zahlen noch besser.“ Als Technologiekonzern ist Wissen für Siemens jedoch nur einer von vielen Erfolgsbausteinen. In besonders wissensintensiven Bereichen, wie dem Gesundheitswesen, wiegt der Wissensbestand und das „Wissen über Wissen“ noch deutlich schwerer.

Nicht-Wissen als Chance und nicht als Tabu

Was bedeutet das für Krankenhäuser? Kliniken müssen beginnen, sich als wissensgetriebene Organisationen zu begreifen. Vor diesem Hintergrund gebührt der Ressource Wissen besondere Aufmerksamkeit und Bedeutung. Veranschaulichen lässt sich das unter anderem an den Forderungen der Qualitätsmanagement-Norm ISO 9001. Seit ihrer Neuauflage von 2015 macht sie Wissensmanagement zum festen Bestandteil ihrer Zertifizierung. Sie fordert, den Status quo des organisationalen Wissens zu bestimmen und davon ausgehend – in Abstimmung mit den Klinikzielen – Wissensbedarfe zu definieren. Einschließlich der Wege und Möglichkeiten, bestehende Wissenslücken zu schließen.

Damit versucht die ISO 9001:2015 einerseits, versteckten Potenzialen insbesondere auch in Form des wertvollen Erfahrungswissens ans Licht zu verhelfen. Auf der anderen Seite bricht sie eine Lanze für das Nicht-Wissen. Noch immer sind Wissenslücken verpönt. Gerade in der Medizin. Schließlich führt Nicht-Wissen geradewegs zu Fehlern. Und Fehler sollen nicht passieren. Im Sinne einer Wissenskultur müssen Fehler aber auch als Lernquelle begriffen werden, um eine Wiederholung in der Zukunft auszuschließen.

Wissen und Nicht-Wissen als kritische Wettbewerbsfaktoren

Kliniken müssen ihre Wissensressourcen evaluieren. Es ist Zeit für eine immaterielle Inventur. Was wissen wir? Und was wissen wir nicht? Wer sind die Wissensträger? Und wo stecken Wissensbedarfe? Eine solche Bestandsaufnahme ist aus vielen Gründen längst überfällig: Wissen hat als Wettbewerbsfaktor das Zeug dazu, sich von der Konkurrenz abzusetzen – also schneller, besser und kostengünstiger zu agieren. Stellt sich heraus, dass an der ein oder anderen Stelle kritisches Wissen fehlt, führt das Schließen dieser Lücken direkt zu Wettbewerbsvorteilen. Aber auch angesichts des demografischen Wandels, für das HR-Management, die strategische Planung und nicht zuletzt für die Digitalisierung müssen Kliniken eine Antwort darauf finden: Was wissen wir wirklich?

nl/KWM
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